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"Keiner soll sagen, er habe nichts gewusst von Risiken"

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500. Montagsdemo gegen S21 - "Keiner soll sagen, er habe nichts gewusst von Risiken"

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Es ist ein spezielles Jubiläum, wenn am Abend zum 500. Mal Tausende Stuttgart-21-Gegner gegen den Umbau des Hauptbahnhofs demonstrieren. Doch Grund zum Jubeln gibt es nicht.

500. Montagsdemo gegen das Projekt "Stuttgart 21"
Die 500. Montagsdemo gegen das Großprojekt "Stuttgart 21".
Quelle: DPA

Auch Heidrun Gold wird heute Abend dabei sein. Trotz der Baufortschritte freut sie sich auf den Termin, durch den ihr Thema auch in den Medien wieder präsenter werde. "Keiner von den Verantwortlichen soll mal sagen dürfen, er habe nichts gewusst von all den Risiken, die in dem Projekt stecken", sagt die 54-jährige Juristin und Mediatorin. Viele davon würden sich wohl erst nach Fertigstellung beurteilen lassen. Das Risiko der ausufernden Kosten hat sich jedoch schon jetzt bewahrheitet.

4,6 Milliarden Euro waren die Grundlage für die Volksabstimmung im Jahr 2011, als sich eine Mehrheit der Baden-Württemberger für das Projekt aussprach. Als Sollbruchstelle hatte der damalige Bahnchef Rüdiger Grube den Wert bezeichnet. Mittlerweile geht die Bahn von 8,2 Milliarden Euro aus, die Projektgegner sehen sich vom Bundesrechnungshof gestützt, der wie sie von bis zu elf Milliarden ausgeht.

Stuttgart 21 soll Betrieb 2025 aufnehmen

Für das viele Geld kann die Bahn mit mächtigen Zahlen aufwarten, die den aktuellen Stand des Baufortschritts kennzeichnen. Von den geplanten 59 Kilometern Tunnel im Stadtgebiet sind 84 Prozent vorangetrieben. Dafür haben Lkw und etwa 7.000 Güterzüge knapp acht Millionen Tonnen Abraum wegtransportiert. Große Teile der unterirdischen Bahnsteige sind fertigbetoniert, sechs von 28 Kelchstützen der Dachkonstruktion stehen inzwischen.

In einem Tunnel bei Untertürkheim kämpfen die Bahn-Ingenieure mit großen Mengen eindringenden Grundwassers, die den Baufortschritt deutlich bremsen. Doch bis 2025, wenn der Bahnhof in Betrieb gehen soll, will die Bahn auch dort fertig sein.

Gegner kritisieren Engpass im künftigen Bahnnetz

Heidrun Gold hat bei ihren Montagsdemos aber eine ganze Reihe weiterer Risiken und Kritikpunkte gehört, bei denen die Projektgegner davon ausgehen, dass sie ebenso eintreten werden wie die Kostensteigerungen.

Sie sehen in dem neuen Bahnhof vor allem einen Engpass im künftigen Bahnnetz, der den Weg zu einer Mobilität der Zukunft verbaue. Schließlich stamme die Planung aus den 1990er Jahren und bedeute eine Kapazitätsverminderung. Die Abwicklung des Bahnsteiggeschehens könnte auch die große Gleisneigung erschweren. Von Ende zu Ende beträgt der Höhenunterschied im unterirdischen Bahnhof sechs Meter - zehnmal mehr, als es die eigenen Richtlinien der Bahn zulassen.

Die Bahn kontert die Kapazitätsdiskussion mit gegenteiligen Zahlen und verweist auf eine "wirtschaftlich optimale Betriebsqualität", die Gutachter bestätigten. Allerdings verbinden Heidrun Golds Mitstreiter diesen Begriff aus dem Bahndeutsch mit fehlenden  Reserven, sodass zumindest der Abbau von entstandenen Verspätungen im Bahnknoten nicht möglich sein könne. Für schwerwiegende Störungen gebe es gar keine Redundanzen mehr.

Digitaler Pilotknoten für den Deutschlandtakt

Damit der von der Bahn ausgerufene Deutschlandtakt möglich wird, soll Stuttgart 21 zum "digitalen Pilotknoten" werden. Vom neuen Zugsteuerungskonzept ETCS verspricht sich die Bahn verbesserte Fahrzeiten und engere Zugfolgen. Das Gesamtprojekt bringt schnellere Verbindungen, wobei dafür vor allem die weniger umstrittene Neubaustrecke zwischen Wendlingen und Ulm beiträgt, weniger der neue Bahnhof.

Als einer der Redner auf der 500. Montagsdemo ist der Verkehrswissenschaftler Heiner Monheim angekündigt. Er weist darauf hin, dass verkürzte Zugfahrzeiten nicht automatisch verkürzte Reisezeiten bedeuten. Wer auf seiner Strecke umsteigen müsse, sei auf eng getaktete Verbindungen angewiesen. Diese seien in einem Bahnhof wie Stuttgart mit nur acht Gleisen in manche Richtungen dann viel schlechter umsetzbar als im bisherigen Kopfbahnhof.

Weiter kritisiert Monheim, dass solche Megaprojekte wie Stuttgart21 viel zu viel Geld konzentrierten. Dieses fehle für viele kleine Projekte in der Fläche, wo mit wenigen Millionen jeweils Engpässe zu beseitigen wären. So könnten vielerorts Umsteige- und Reisezeiten sinken.

Streitthema Brandschutz: Verkehrsexperte sieht Parallelen zum BER

Das Eisenbahnbundesamt sieht in der bestehenden Brandschutzplanung zunächst mal keinen Hinderungsgrund, um nicht weiterzubauen. Die endgültige Genehmigung will die Aufsichtsbehörde aber erst zu Betriebsbeginn erteilen, worin Verkehrsexperte Heiner Monheim eine Risikoparallele zum Berliner Flughafen BER erkennt. Jüngst hatten Ereignisse wie der ICE-Brand bei Montabaur 2018 deutlich gemacht, wie schwer beherrschbar solche Ereignisse sein können.

Heidrun Gold fürchtet das ebenso und will auch hierbei nicht, dass die Verantwortlichen hinterher von nichts gewusst haben wollen. Und dann erinnert sie sich noch an ein Zitat aus einer der vielen Reden der bisher 499 Montagsdemos: Wer gravierende Missstände erkennt und Argumente dafür aufzeigen kann, der kann nicht einfach aufhören und sagen, die Mehrheit hat entschieden. Und mit dieser Überzeugung werden sie montags weiter demonstrieren.

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