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Töpfer: "Damals waren wir weltweit Vorreiter"

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30 Jahre Grüner Punkt - Töpfer: "Damals waren wir weltweit Vorreiter"

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Der "Grüne Punkt" wird 30. Die Einführung war damals richtig, sagt Ex-Bundesumweltminister Töpfer im Interview. Seitdem sei das System allerdings "nicht so ganz in Gang gekommen".

Heute vor 30 Jahren wurde der Grüne Punkt eingeführt. Der ehemalige Bundesumweltminister Töpfer führte ihn damals ein. Im Interview mit ZDFheute zieht er Bilanz.

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ZDFheute: Vor 30 Jahren haben Sie den "Grünen Punkt" ins Leben gerufen. War das aus heutiger Sicht richtig?

Klaus Töpfer: Ich habe eigentlich noch niemanden gefunden, der gesagt hat, der Schritt wäre nicht richtig gewesen. Ganz im Gegenteil. Ich werde weltweit darauf angesprochen. Ich bin halt der Grüne Punkt. Es ist aber besser, als wenn man sagt, der war auch mal bei "Wetten dass...?". Er ist deswegen der Gelbe Sack. Da bin ich ja mal im gelben Sack in die Sendung gekommen. Das war etwas anderes.

Ich bin halt der Grüne Punkt.
Klaus Töpfer

Nein, das hat sich wirklich um die Welt herumgesprochen. Ich bin vor nicht langer Zeit von Russland kontaktiert worden, die jetzt in einer ähnlichen Situation sind; nicht wissen, wohin mit den steigenden Abfallmengen und deswegen auch in eine solche Lösung hineinkommen. Wir sind im Gespräch. In Russland sind schon deutsche Entsorgungsunternehmen aktiv. Sie sehen, wir haben nicht nur das Problem bewältigt, sondern haben auch der deutschen Wirtschaft einen neuen, wirklich wichtigen und sehr, sehr starken Wirtschaftszweig beschert.

ZDFheute: Was hätte seitdem besser gemacht werden können?

Töpfer: Wir wollten zurück zum Produzenten, deswegen Kreislauf. Wir wollten dem, der die Produkte herstellt, klarmachen: Denke bereits bei der Entwicklung von Produkten daran, dass sie einmal Abfall werden und mache sie so, dass sie hinterher auch entsprechend auseinandergenommen werden können, genutzt werden können.

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Als ich Kind war gingen wir hier noch mit einer braunen Spitztüte zum Lebensmittelladen. Wenn man Linsen kaufen wollte oder Reis oder was auch immer. Und die Tüte wurde hinterher nicht weggeschmissen: Von meiner Mutter wurde sie schön aufgebügelt, und ich ging wieder hin damit.

Heute ist das etwas anders geworden. Genau diese Verantwortung des Produzenten von Verpackung und Produkten, diese einzufordern, das war das Ziel. Und das ist leider Gottes, na, ich sage es mal vorsichtig, vergessen worden.

ZDFheute: Anders als damals gibt es heute mehrere Entsorger für Wertstoffe. Die Kommunen nehmen oft den günstigsten. Geht das auf Kosten der Qualität?

Töpfer: In der Zwischenzeit gehört auch die thermische Verwertung als Verwertung gewertet. Das war im Entwurf und in der ersten Fassung nicht der Fall. Und ich glaube, damit wird natürlich dem Recycling-Gedanken in besonderer Weise nicht mehr Rechnung getragen.

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Der Wettbewerb ist natürlich auch einzubinden. Wenn ich Kriterien mache, die in den Wettbewerb hineingehen, dann kann man ein Dumping-Verfahren natürlich verhindern. Man muss nicht den billigsten, sondern den preiswertesten, den besten dafür nehmen. Es wäre fatal, würden wir auf diese Art und Weise eine Wegwerfgesellschaft durch die Hintertür weiter befördern.

ZDFheute: Der "Grüne Punkt" auf Verpackungen hat eigentlich heute keine Bedeutung mehr und ist bestenfalls eine Art verkaufsförderndes Ökosiegel. Ärgert Sie das?

Töpfer: Ja, das ärgert mich natürlich, weil ich das eigentliche Ziel, das wir am Anfang hatten - Schließe Kreisläufe, sodass der, der es hergestellt hat, die Verantwortung übernimmt - mehr oder weniger aus dem Auge verloren haben und deswegen keine Veränderung der Verpackung haben.

Wir haben damals am Anfang Ausstellungen gemacht, vorher-nachher. Was hat sich bei der Verpackung verändert dadurch? Dieser Anreiz, Verpackung so herzustellen - oder auch andere Produkte, Autos, Waschmaschinen was auch immer - so herzustellen, dass sie wirklich recycelt, demontiert werden können? Das war der Anreiz dafür, sollte erreicht werden. Und das ist, vorsichtig gesagt, nicht so ganz in Gang gekommen.

Natürlich ist etwas zu tun. Die vielen Novellen, die das Kreislaufwirtschaftsgesetz, Abfallgesetz durchgemacht haben, haben den Grundsinn nicht verändert. Das ist richtig, aber sie haben eher die Wirkungen in der Richtung des Kreislaufes in der Wirtschaft - na ja, sagen wir mal - abgemildert als angespornt. Und ich hoffe, dass die neue Diskussion, die wir jetzt bis nach Europa haben, dies endlich in den Griff bekommt und es ist durchaus möglich.

ZDFheute: Damit, was genau in die Gelbe Tonne gehört, sind viele überfordert. Können Sie das nachvollziehen?

Töpfer: Jetzt wäre es wirklich an der Zeit, dass es auch dem Verbraucher einfacher gemacht wird. Alle diese Verbund-Verpackungslösungen sind schwer hinterher getrennt zu sammeln. Das ist ein Problem. Wir müssen es den Konsumenten möglich machen, besser zu sortieren.

Die Menschen sind ja gut dabei. Sie bemühen sich. Wenn ich herumgehe und sehe da die Tonnen stehen, habe ich fast schlechtes Gewissen, dass ich ältere Menschen wöchentlich einmal dazu bringe, solche Tonnen durch die Gegend zu schieben. Aber wenn es klappt, ist es wirklich notwendig für eine Welt mit bald neun Milliarden Menschen. Wir müssen Ressourcen sparen. Ist doch ganz klar.

ZDFheute: Was muss passieren, um die Recycling-Quote weiter zu steigern?

Töpfer: Entscheidend für eine marktwirtschaftliche Lösung ist: Macht die, die das in Verkehr bringen, verantwortlich dafür - von der Wiege bis zur Bahre. Das ist Kreislauf. Und dann hast Du wieder Ressourcen. Siehe zu, dass sie selbst daran sind interessiert sind, dass sie die immer wertvoller werdenden Rohstoffe nicht wegwerfen oder sie missbraucht sehen im Downcycling, sondern dass sie so wiederbekommen, dass man damit tatsächlich Kreisläufe im Produkt schließen kann. Das ist das Entscheidende.

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Ich bin sehr, sehr erfreut, dass die Europäische Union jetzt das ja auch im Green Deal mit aufgenommen hat. Aber hier könnte Deutschland wieder einmal Vorreiter sein. Damals waren wir im Abfallbereich eindeutig weltweit Vorreiter. Und da haben sie immer gesagt: Ihr reitet voran und keiner reitet hinterher. Nein, das ist nicht so. Es reiten viele hinterher und im Hinterherreiten haben die es verbessert, und wir sind weniger damit vorangekommen. Es wäre jetzt an der Zeit, dass wir uns wirklich ganz offensiv auch mit den Schwächen beschäftigen.

Das Interview führte ZDF-Umweltredakteur Mark Hugo.

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