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Lira jagt von einem Tiefststand zum nächsten

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Türkische Währung auf Rekordtief - Lira jagt von einem Tiefststand zum nächsten

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Die Türkei kämpft mit steigenden Preisen, höherer Arbeitslosigkeit - und dem Verfall der eigenen Währung. Doch die Regierung sieht die Fehler bei anderen.

Türkische Lira-Banknoten. Symbolbild.
Die türkische Lira jagt zurzeit von einem Tiefststand zum nächsten
Quelle: Lefteris Pitarakis/AP/dpa

Für den Sprecher seines Präsidenten war es wie immer: Feindliche ausländische Mächte greifen die Türkei an und wollen sie in die Knie zwingen, meinte Fahrettin Altun, Leiter des türkischen Presseamtes.

Für ihn und Präsident Erdogan ist die Schwäche der türkischen Währung nur ein vorübergehendes Phänomen, ausgelöst von Spekulanten an den internationalen Finanzmärkten.

Eigene Fehler sehen sie nicht, sondern sind überzeugt, die Türkei werde diese Krise überwinden, so wie sie bereits frühere Krisen überwunden habe.

Zinspolitik und politische Entscheidungen drücken den Lira

Viele Analysten aber sehen die Gründe für die Talfahrt der türkischen Lira in einer falschen Zinspolitik der Zentralbank und in falschen politischen Entscheidungen des Präsidenten und seines Schwiegersohns, Finanzminister Berat Albayrak.

Seit Tagen jagt die Lira von einem Tiefststand zum nächsten. Zurzeit liegt der Kurs bei rund 8,7 Lira zum Euro und 7,35 Lira zum Dollar. So hoch wie seit über zwei Jahren nicht mehr.

Zwar leidet auch die türkische Wirtschaft unter der Corona-Krise, wie alle Volkswirtschaften auf der Welt, doch senkt die türkische Zentralbank seit dem vergangenen Jahr kontinuierlich den Leitzins, trotz Warnungen von Finanzanalysten und teilweise auch der eigenen Banken.

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Arbeitslosigkeit und steigende Preise befeuern die Krise

Tatha Ghose, Analyst der Commerzbank, glaubt, dass die Lira vorerst weiter abwerten könnte. "Schuld daran sind die inkonsequente Geldpolitik der Notenbank und die fehlende Inflationsbekämpfung", sagte Ghose der Nachrichtenagentur Reuters.

Steigen Dollar und Euro, verteuern sich die Importe und lassen die Verbraucherpreise steigen. So verzeichnet die Türkei zurzeit eine Inflationsrate von rund 12 Prozent.

Angesichts steigender Arbeitslosenzahlen als Folge der Corona-Krise schlagen steigende Preise auf die Stimmung der Verbraucher. Die Zustimmungswerte des Präsidenten sinken. Der aber hält bislang an seinem Kurs der Niedrigzinsen fest und übt Druck auf die Notenbank aus, den Leitzins immer weiter zu senken.

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Investoren ziehen ihr Geld ab

Viele ausländische Investoren zogen daher in den vergangenen Monaten ihr Geld aus der türkischen Währung ab und verstärkten so den Abwärtstrend. Grund war unter anderem, dass die türkische Regierung versuchte, den Lira-Kurs zu stützen, indem sie eigene Währungsreserven auf den Markt warf. Um über 30 Milliarden Dollar soll das Devisenkonto des türkischen Staates allein in den vergangenen Wochen geschrumpft sein.

Der Türkei geht das Geld aus, doch Finanzminister Albayrak sieht darin kein Problem. Kursschwankungen sagten nichts aus über die Leistungsfähigkeit der eigenen Wirtschaft, meinte Albayrak in einem Fernsehinterview am Donnerstag. Die türkische Wirtschaft sei stark und werde die Krise besser überstehen als die meisten anderen Volkswirtschaften der Welt.

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Die Bürger vertrauen der eigenen Währung nicht

Die eigenen Bürger trauen diesen Worten nicht. Auch sie sind der Meinung, dass die Krise dauerhafter sein könnte, als es Albayrak dem Volk weismachen will. Die Menschen flohen aus der eigenen Währung und tauschten nach Angaben der türkischen Zentralbank allein in den vergangenen zwei Wochen Lira im Wert von neun Milliarden Dollar in Devisen um.

Als der Moderator der TV-Sendung den Finanzminister fragte, ob man sich wegen der Lira-Schwäche Sorgen machen müsse, antwortete Albayrak lapidar mit einer Gegenfrage: "Erhalten sie ihr Gehalt in Dollar? Haben sie Schulden in Dollar? Haben sie irgendeine direkte finanzielle Bindung zum Dollar?" Er solle mal keine Panik machen, alles werde wieder gut.

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Die türkische Regierung muss gegensteuern

Ob das die Wählerinnen und Wähler beruhigen wird? Wohl kaum. Zwar bemüht sich die Regierung, die heimische Produktion zu stärken und sich unabhängiger von ausländischen Einfuhren zu machen.

Noch aber importiert die Türkei sehr viel mehr als sie exportiert. Zudem wurden viele öffentliche Investitionen auf Pump finanziert. Die Türkei ist hoch verschuldet, und rund ein Drittel der Auslandsschulden sollen in Fremdwährungen aufgenommen worden sein, also vor allem in Dollar.

Viele Analysten sehen in der momentanen Situation Anzeichen für eine dauerhafte Krise, die Gegenmaßnahmen der Regierung erfordert, und das meint vor allem eine Anhebung des Leitzinses.

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Finanzminister Albayrak steht unter Druck, und viele spekulieren bereits auf seine Ablösung. Die regierungskritische Zeitung Cumhuriyet titelte am Freitag als Antwort auf Albayraks TV-Auftritt und seinen Versuch, das Volk zu beruhigen: "Ja, wir haben jede Menge mit dem Dollar zu tun!"

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