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Ökonom Gropp: Währungsunion war kein Fehler

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1. Juli 1990: DDR bekommt D-Mark - Ökonom Gropp: Währungsunion war kein Fehler

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Vor 30 Jahren kam das "Westgeld" in die DDR. Die Währungsunion hatte nicht nur positive Folgen, war aber kein Fehler, so Wirtschaftsexperte Gropp. Eine Chance wurde aber verpasst.

Der 1:1 Wechselkurs von DDR-Mark zu Westgeld war im Grunde alternativlos, sagt der Leiter des IWH, Reint E. Gropp. Er sollte verhindern, dass noch mehr Menschen abwandern.

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ZDFheute: Inwieweit war die Währungsunion gegen die ökonomische Vernunft?

Reint E. Gropp: Es war eine politische Entscheidung, um die Menschen in Ostdeutschland zu halten. Direkt nach dem Mauerfall im November 1989 sind Millionen über die Grenze gegangen - gerade die gut Ausgebildeten. Nur um zu verhindern, dass nicht noch mehr Menschen abwandern, hat man entschieden, zum Beispiel die Löhne 1:1 umzuwandeln - und die meisten Ersparnisse 2:1.

ZDFheute: Welches Signal wollte man damit an die DDR-Bürger senden?

Gropp: Man wollte den Ostdeutschen zeigen, dass man sie ernst nimmt, dass man sie gleichberechtigt behandelt. Daher auch der Kurs 1:1. Es war natürlich eine ungeheure Überbewertung der Ostmark. Am Schwarzmarkt wurde damals 4:1 bis 8:1 gehandelt. Das heißt, es war eine Aufwertung um das Vier- bis Achtfache.

ZDFheute: Was hat diese Aufwertung für die DDR-Wirtschaft bedeutet?

Gropp: Stellen sie sich vor, der Euro würde ums Vier- bis Achtfache aufgewertet werden. Da wäre die deutsche Wirtschaft auch mehr oder minder pleite. Sie wäre überhaupt nicht mehr wettbewerbsfähig. Und das ist auch im Osten passiert. Die Produkte konnten nicht mehr verkauft werden, weder in Westdeutschland, noch im Ausland. Dazu kamen andere Faktoren.

Die Ostdeutschen wollten keine Ost-Produkte mehr kaufen, sie sind lieber zu Aldi in den Westen gefahren. Die traditionellen Märkte sind weggebrochen.
Reint E. Gropp,

ZDFheute: Wäre die DDR-Wirtschaft früher oder später sowieso zusammengebrochen?

Gropp: Die ostdeutsche Wirtschaft hatte mehrere Probleme. Sie hatte nicht nur das Problem der Währungsunion, sondern auch die Demontage der Sowjetunion nach dem 2. Weltkrieg. Viele Leute sagen, dass der dadurch entstandene Schaden viel größer war als der durch den Krieg selbst. Außerdem gab es 20 bis 30 Jahre Fehlplanung durch die Staatswirtschaft. Insofern war es eine Frage der Zeit, wann der DDR die Devisen ausgegangen wären.

Nach langem Schlangestehen vor einer Leipziger Bank freut sich ein junger Mann über seine D-Mark-Banknoten.Das Bild wurde aufgenommen am 1.7.1990.
1. Juli 1990: Nach langem Schlangestehen vor einer Leipziger Bank freut sich ein junger Mann über seine D-Mark-Noten.
Quelle: dpa

ZDFheute: Es gab damals viel Kritik am Wechselkurs von 1:1. Den hatten aber vor allem die DDR-Bürger selbst gefordert.

Gropp: Sie haben den Zusammenhang zwischen der Wettbewerbsfähigkeit und der dann kommenden riesigen Arbeitslosigkeit nicht gesehen. Sie haben gedacht, jetzt tauschen wir 1:1 um, mein Gehalt ist dann in D-Mark und mir geht’s genauso gut wie denen im Westen. Dem war nicht so.

ZDFheute: Was wäre passiert, wenn es einen realistischeren Kurs gegeben hätte?

Gropp: Am Ende hätte das zu einer sehr großen Armut im Osten geführt - und zu einem Zusammenbruch der Wirtschaft, weil viele gegangen wären. Insofern gab es gar keine gute Möglichkeit, das Problem zu lösen. Es war der Fluch und Segen der DDR, dass es den Westen gab. Denn Polen und Tschechien etwa mussten das ohne den großen Bruder lösen, der alles subventioniert hat.

ZDFheute: Was war damals der größte Irrtum?

Gropp: Im Nachhinein ist es immer einfach, alles besser zu wissen. Ein grundsätzlicher Fehler ist vielleicht gewesen, dass man dachte, man könne in Ostdeutschland die Wirtschaftsstruktur des Westens nachbauen. Der Osten sollte ein kleiner Westen werden. Wobei im Westen gleichzeitig ein großer Strukturwandel stattfand, der Wandel von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft.

Man hat versucht, im Osten eine Industriegesellschaft aufzubauen bzw. zu erhalten. Und das war möglicherweise ein Fehler.
Reint E. Gropp

Man hätte vielleicht darüber nachdenken sollen: Wie sieht die Wirtschaft in zehn Jahren aus? Zehn Jahre später war dann auch im Westen der Industrieanteil viel geringer. Insofern hätte man vielleicht weniger Wert auf Industrie, sondern auf Dienstleistungen gelegt.

Das Interview führte Annette Pöschel.

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