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"Krise verstärkt Ungleichheiten"

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Arbeitsmarkt in Corona-Zeiten - "Krise verstärkt Ungleichheiten"

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Kurzarbeit, Jobverlust, Homeoffice - die Corona-Rezession schlägt auf den Arbeitsmarkt durch. Das Wirtschaftsmagazin makro hat mit Prof. Stefan Sell über Auswirkungen gesprochen.

Eine Mutter arbeitet Zuhause und betreut parallel ihre beiden Kinder am 17.04.2020 in Kaufbeuren
Corona-Krise: Mutter im Homeoffice mit schulpflichtigen Kindern
Quelle: dpa

makro: Die Corona-Pandemie hat Millionen von Angestellten ins Homeoffice verbannt. Und siehe da: Das klappt erstaunlich gut. Wie wird sich dadurch die Arbeitswelt nach Corona verändern?

Stefan Sell: Zuerst einmal muss man festhalten, dass die Homeoffice-Erfahrung eine höchst ungleichgewichtig verteilte ist - vor allem auf die Verwaltungs- und Wissensarbeiter, die zugleich eher im mittleren und höheren Einkommensbereich angesiedelt sind, trifft das zu.


Generell sollte man höchst skeptisch sein, wenn von epochalen Veränderungen der Arbeitswelt "nach Corona" die Rede ist. Eher das Gegenteil wird der Fall sein - die vielfältigen Prozesse der Polarisierung auf den Arbeitsmärkten zwischen "Gewinnern" und "Verlierern" werden weiter vorangetrieben.

Die "Homeoffice-Welt" wird eine Spielweise für eine überschaubare Gruppe an Arbeitnehmern sein. Für die anderen wird sich nicht mehr und nicht weniger ändern als durch die Prozesse, die schon vor Corona am Wirken waren.

makro: Wenig erquicklich war die "Back to Homeoffice, Heim und Herd"-Erfahrung für viele berufstätige Frauen. Die Soziologin Jutta Allmendinger fürchtet gar einen Rückschritt um 30 Jahre. Teilen Sie diesen Pessimismus?

Sell: Generell verstärkt die Krise Ungleichheiten. So gab es bereits vor Corona eine Ungleichverteilung vor allem der unbezahlten Arbeit zulasten der Frauen. Hier hat die Krise voll durchgeschlagen. Aber einen Rückschritt in die 1950er-Jahre zu befürchten ist doch arg übertrieben. Das geben die veränderten Vorstellungen von Partnerschaft nicht wirklich her.

Das eigentliche Problem ist doch eher darin zu sehen, dass nicht alle, aber viele Frauen stärker von dieser Krise betroffen sind als Männer: Sie müssen in den Familien überdurchschnittlich die Kita-und Schulschließungen auffangen, sie arbeiten in "Hochrisiko"-Berufen "draußen" und sie sind besonders gebeutelt von dem Lockdown, der diesmal gerade die Dienstleistungsberufe getroffen hat.

makro: Kassiererin, Busfahrer, Pflegekräfte - systemrelevante Berufe haben viel Applaus bekommen. Und das Versprechen besserer Bezahlung und besserer Arbeitsbedingungen. Wird daraus etwas?

Sell: Nichts würde ich mir mehr wünschen und es wäre überfällig. Aber die Wahrscheinlichkeit ist mehr als gering. Das hat mehrere Ursachen. Eine ganz Entscheidende ist die, dass das nicht vom Himmel fällt, sondern erkämpft werden muss.

Und alle genannten Bereiche zeichnen sich dadurch aus, dass hier der Organisationsgrad der Gewerkschaften bei den Beschäftigten derart niedrig ist, dass wir es mit ausgeprägten Ungleichgewichten zugunsten der Arbeitgeber zu tun haben.

Wenn sich das nicht ändert und/oder der Staat über eine gezielte Politik der Allgemeinverbindlicherklärung von Tarifverträgen Druck auf die Arbeitgeber ausübt - wofür es derzeit keinerlei Hinweise gibt -, dann müssen wir die bestehenden Strukturen in die Zukunft fortschreiben.

Die Fragen stellte Michaela Sesterhenn

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