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Wirecard: Die Macht der Wirtschaftsprüfer

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Bilanzskandal bei DAX-Konzern - Wirecard: Die Macht der Wirtschaftsprüfer

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Der mutmaßliche Betrug bei Wirecard droht zum größten Bilanzskandal der Wirtschaftsgeschichte zu werden. Auch, weil Wirtschaftsprüfer versagt haben. Die Branche gerät in den Fokus.

Wirecard meldete Insolvenz an. Archivbild
Wirecard: Was wusste die Bundesregierung wann, und was hat sie unternommen?
Quelle: Tobias Hase/dpa

Wirtschaftsprüfer erfüllten eine öffentliche Aufgabe, heißt es in der Berufsbeschreibung der Wirtschaftsprüferkammer. Denn erst wenn sie die Jahres- oder Konzernabschlüsse von Unternehmen geprüft und testiert haben, können der Aufsichtsrat und die Hauptversammlung über die Gewinnverwendung beschließen.

Doch bei dieser Prüfung schauen vor allem die großen Prüfungsgesellschaften offenbar nicht immer so genau hin, kritisiert Michael Gschrei, Vorstandssprecher von wp.net, dem Verband für die mittelständische Wirtschaftsprüfung.

Wird genau genug geprüft?

Anlegeranwalt Klaus Nieding sieht einen hohen Reputationsschaden für Wirecards Wirtschaftsprüfer EY. Denn der hatte in den letzten Jahren - bis auf 2019 - die Bilanzen des insolventen Zahlungsdienstleisters für korrekt befunden. Doch ob dies ausreichend geprüft worden sei, daran hat Gschrei Zweifel.

Ein deutsches Unternehmen mit Erfolg auf dem internationalen Tech-Markt. Das war Wirecard. Dann kamen die mutmaßlich erfundenen Milliardengewinne. Wie konnte es nur soweit kommen?

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Vor allem deshalb, weil die Zunft der Wirtschaftsprüfer dominiert wird von den "Big Four", den vier weltgrößten Gesellschaften PWC, EY, KPMG und Deloitte. Sie teilen die Prüfung der großen DAX-Unternehmen unter sich auf. Diese werde oft ausgeführt von jungen, unerfahrenen Assistenten, sagt Gschrei.

Vier Gesellschaften beherrschen die Szene

Und über den IDW, dem Institut der Wirtschaftsprüfer, bestimmten die "Big Four" auch die Regeln, nach denen diese Prüfung erfolgen soll. "Wer die Spielregeln macht, gewinnt das Spiel", sagt Gschrei.

Das IDW etwa lege die internationalen Regeln aus, nach denen die Prüfungen zu erfolgen hätten. So verlangten diese International Standards on Auditing (ISA) etwa "zwingende“ Informationen" als Basis für ein Prüfungsurteil.

Viel Spielraum für die Prüfer

Das IDW lege das in seiner Übersetzung so aus, dass im Zweifel der Prüfungsnachweis eher "überzeugend" als "zwingend" sein müsse, erklärt Gschrei. Übertragen auf Wirecard heißt das, dass man sich eben mit der Treuhänderbestätigung zufrieden gegeben hätte anstatt selbst die Existenz des Treuhandkontos in Augenschein zu nehmen.

Dieses "Spiel" wird schon lange nach den Regeln der vier Großen gespielt, weiß auch Steuerberater Frank Wehrheim. Wehrheim hat jahrelang als Steuerfahnder für das Land Hessen gearbeitet.

Blindes Vertrauen der Firmen

Er habe oft bei Ermittlungen in großen Betrieben erlebt, dass die gesagt hätten: "Das hat unsere Wirtschaftsprüfungs-Gesellschaft alles geprüft." Das sei so etwas wie ein Gütesiegel gewesen, erzählt Wehrheim. Und er sagt:

Eine Prüfung durch eine Wirtschaftsprüfungs-Gesellschaft heißt keineswegs, dass in einem Betrieb nicht strafrechtliche Dinge ermittelt werden können.

Das dürfte auch der Politik bekannt gewesen sein. Doch gerade die "Big Four" sind auch im Beratungsgeschäft aktiv, die Politik kann nicht auf ihr Know How verzichten. Immerhin stellt Bundesfinanzminister Olaf Scholz inzwischen in Frage, ob die Prüfung und Beratung unter dem Dach einer Gesellschaft rechtens ist. Auch höhere Haftungen für Wirtschaftsprüfer sind in der Diskussion.

Kritik an zögerlicher Haltung der Politik

Beides aber lehnte IDW-Vorstandssprecher Klaus Naumann im "Handelsblatt" ab: Dann würden Unternehmen, die sich in einer schwierigen Lage befänden, womöglich überhaupt keine Abschlussprüfer mehr finden, befürchtet er. Man dürfe keine "voreiligen Konsequenzen" aus dem Fall Wirecard ziehen.

Die "kritische Grundhaltung" des Bundesfinanzministers und seiner Berater sei offenbar nicht ganz ausgeprägt gewesen, meint hingegen Gschrei. Im Bundesfinanzministerium habe man die Warnungen der Financial Times früher ernst nehmen sollen.

Wirtschaftsprüfung aber ist eine öffentliche Aufgabe. Deswegen sollte die Bundesregierung den Mut haben, dieses System gründlich zu reformieren, meinen Beobachter.

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