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Skandale und Interessenkonflikte : Die Krux mit den Wirtschaftsprüfern

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Der Wirecard-Skandal rückt die großen Wirtschaftsprüfer in den Fokus. Für Vertrauen sollen sie sorgen. Doch für die größten Skandale scheinen sie blind. Liegt der Fehler im System?

Der Wirecard-Skandal rückt die großen Wirtschaftsprüfungsunternehmen in den Fokus. Mit ihren Abschlussprüfungen sollen sie Vertrauen in die Unternehmen schaffen. Trügt der Schein?

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EY, PwC, KPMG und Deloitte - Namen, die kaum jemand kennt. Es sind die vier großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Diese "Big Four" sitzen an Schlüsselstellen der globalen Wirtschaft. Ein Quasi-Oligopol der Bilanzprüfung. An ihnen kommt kaum jemand vorbei.

Vertrauen und Transparenz

Der Job der Wirtschaftsprüfer besteht darin zu prüfen, ob die Finanzzahlen, die ein Unternehmen veröffentlicht, stimmen. Saila Stausholm, Doktorandin an der Copenhagen Business School, forscht seit Jahren zu den Big Four und ihrer Bedeutung für Wirtschaft und Gesellschaft. "Es ist besonders wichtig für uns als Konsumenten und für Investoren, dass wir den Informationen, die wir bekommen, vertrauen können", sagt sie.

Und unsere einzige Waffe ist die Abschlussprüfung.
Saila Stausholm, Doktorandin

Die Prüfer schauen sich an, von wo Geld ins Unternehmen kommt und wo es hinfließt. Sie vergleichen die vom Unternehmen gemachten Angaben mit den tatsächlichen Geldflüssen. Kurzum: Sie müssen verstehen, was da passiert. Halten sie die Angaben des Unternehmens für korrekt, vergeben sie ein uneingeschränktes Testat. Wenn etwas faul ist, dann nicht.

Theoretisch. Tatsächlich aber wird es dann vor allem kompliziert.

Interessenkonflikte

Es stellt sich nämlich die Frage, warum es eigentlich nie die Wirtschaftsprüfer waren, die die großen Unternehmensskandale aufdeckten: FlowTex (1999, KPMG), Enron (2002, Arthur Andersen), zuletzt Wirecard nach zehnjähriger Prüfung durch EY. Warum ist das so?

Das Thema Interessenkonflikte drängt sich auf.

Da ist zunächst die Prüfung selbst. Die Firmen suchen sich ihre Audit-Gesellschaft aus und bezahlen sie. Antoine Deltour startete seine Karriere bei PwC in Luxemburg. Als Junior-Prüfer wurde er zwei Jahre an die Front geschickt und beschreibt das Dilemma so: "Wenn der Prüfer etwas entdeckt, will er den Kunden nicht zu sehr belästigen."

Wenn der Kunde also nicht korrigieren will, ist es unmöglich, die Arbeit wirklich gut zu machen.
Antoine Deltour, Junior-Prüfer

Prüfung vs. Beratung

Ein weiterer Interessenkonflikt liegt im Geschäftsmodell der Big Four begründet: Nur noch ein Drittel ihres Umsatzes wird durch die Bilanz-Testate generiert, bis zu zwei Drittel hingegen mit Unternehmensberatung. Ob strategische Ausrichtung, Marktanalyse, Digitalisierung, "Steueroptimierung" - die Berater verfügen über wertvolle Expertise für ihre Kunden.

"Du kannst nicht jemanden als deinen Kunden ansehen und ihn gleichzeitig kritisch prüfen. Du musst entweder auf der einen oder der anderen Seite sein", stellt Saila Stausholm fest.

Fast genau ein Jahr nach Auffliegen des Wirecard-Skandals legte der Untersuchungsausschuss im Juni seinen Abschlussbericht vor.

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Lehrstück in Lobbyismus

Vor Jahren schon, 2010/11, landete das Thema auf der Tagesordnung in Brüssel. Michel Barnier, damals EU-Kommissar für den Binnenmarkt, heute bekannt als Brexit-Unterhändler, stellte eine rhetorische Frage: "Ist es gesund, dass die gleichen Firmen nicht nur prüfen, sondern auch beraten?" Barnier pochte auf eine strikte Trennung von Prüfung und Beratung.

Außerdem sollen die Prüfer nach spätestens zehn Jahren wechseln, damit sich Prüfer und Unternehmen nicht zu sehr aneinander gewöhnen. Am Ende bleibt von Barniers Vorschlägen wenig übrig.

Die Mitgliedsländer dürfen selbst entscheiden, welche EU-Reformen sie in der Abschlussprüfung umsetzen wollen - oder nicht. In Deutschland entscheidet man sich an entscheidenden Stellen für "nicht". Wirtschaftsprüfungsgesellschaften dürfen weiterhin viele Beratungsleistungen anbieten, wenn sie ein Unternehmen prüfen. Auch dürfen sie Prüf-Mandate weiterhin länger als zehn Jahre halten.

Aus Schaden klug?

Für Konsequenzen brauchte es den Wirecard-Skandal, der nicht nur geschädigten Anlegern und den Prüfern von EY, sondern auch der Politik um die Ohren flog. Das Finanzmarkt-IIntegritätsstärkungsgesetz soll wohl schon qua Namen abschreckende Wirkung entfalten. Es legt unter anderem fest:

  • Das gleichzeitige Prüfen und Beraten eines Unternehmens wird stärker eingeschränkt
  • Prüfungsgesellschaften dürfen Unternehmen nicht länger als zehn Jahre in Folge prüfen
  • Die Haftung des Abschlussprüfers wird verschärft

Das liest sich wie Barniers Forderungen von 2011.

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