Ein betender Knabe mit Kultstatus

Weltreise einer Bronzestatue endet im Alten Museum

Der "betende Knabe" wurde Anfang des 16. Jahrhunderts auf der Insel Rhodos beim Bau der Stadtmauern gefunden und sofort zum heiß begehrten Sammlerobjekt, denn Bronzestatuen waren selten. Nach zahlreichen Zwischenstationen an verschiedenen Höfen Europas landete er erst im 19. Jahrhundert im Alten Museum in Berlin.

Zu diesem Zeitpunkt war der Knabe eigentlich schon ein betagter alter Mann, denn sein Geburtsjahr wird auf rund 300 Jahre vor unserer Zeitrechnung geschätzt. Wer die Statue erschaffen hat, ist nicht bekannt. Sie lässt sich nach Angaben der Staatlichen Museen zu Berlin jedoch in der künstlerischen Tradition des griechischen Bildhauers Lysipp einordnen.

Nicht nur künstlerisches Interesse

Nach seiner Entdeckung auf Rhodos kam der Knabe an den Hof Ludwigs XIV., wo ihm die Arme angesetzt wurden und er so seine heutige Form erhielt. 1747 wurde er schließlich von Friedrich dem Großen erworben und in Sanssouci aufgestellt. Dort ist noch heute am damaligen Standpunkt eine Replik der Skulptur zu finden.

Das Interesse an der Figur war keineswegs nur künstlerischer oder gelehrter Natur, erklärt Martin Maischberger von der Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin. Der Kultstatus sei auch durch erotisches Interesse beeinflusst worden. "Manche der Käufer und Besitzer des Knaben sind nachweislich selber homosexuell gewesen", so Maischberger, "das weiß man ja auch von Friedrich II."

Geheimnisse entlockt

1807 entführte Napoleon die Statue nach Paris und erst 1830 gelangte sie ins neu eröffnete Alte Museum, wo sie heute an der Stelle aufgestellt ist, die ihr der Architekt Karl Friedrich Schinkel einst zudachte. Hier wurde der Knabe bis ins kleinste Detail untersucht und ihm so manches Geheimnis entlockt.

Die Forscher fanden zum Beispiel heraus, dass es sich bei der Skulptur nicht - wie lange angenommen - um eine römische Kopie, sondern tatsächlich um das griechische Original handelt.

Pferdelenker statt Beter?

Außerdem glauben die Experten heute nicht mehr daran, dass es sich tatsächlich um einen Beter handelt. "Die neueren Versuche ihn zu deuten gehen dahin, ihn als Teil einer Gruppenkomposition zu sehen", erklärt Martin Maischberger. Der Knabe könnte vielleicht als Pferdelenker in einem Reiter- oder Wagenlenkerdenkmal eine Rolle gespielt haben.

Doch im Berliner Alten Museum empfängt er allen Untersuchungen zum Trotz die Zuschauer immer noch als das, was er viele Jahrhunderte lang war: als betender Knabe.

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