Ankunft im Niemandsland

Flüchtlinge in der schwedischen Einöde

Politik | auslandsjournal - Ankunft im Niemandsland

Riksgränsen, Lappland: Hier, im Nirgendwo, sind seit Oktober 600 Flüchtlinge vorübergehend in einem Skihotel untergebracht. Auch das einst so liberale Schweden hat mit der Flüchtlingskrise zu kämpfen.

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6 min
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Video verfügbar bis 15.12.2016, 13:15

Ein Meter hoher Schnee und Minusgrade: Was für Skifahrer nach einem beliebten Urlaubsziel klingt, ist für Flüchtlinge im schwedischen Riksgränsen zur vorübergehenden Heimat geworden. Seit November sind dort, in einem kleinen Dorf in Lappland, fast 600 Flüchtlinge untergebracht. Weil der schwedischen Regierung langsam die Ideen ausgehen, wo die vielen Flüchtlinge untergebracht werden können, wohnen diese nun vorerst am "Ende des Nordens“. Die Notlösung zeigt wie innovativ Staaten sein müssen, um mit der Flüchtlingskrise umzugehen.

Am Ende des Nordens

Riksgränsen in Schweden: 200 Kilometer nördlich des Polarkreises. Berühmt für seine steilen Pisten und beliebt als Skiort, liegt das Dörfchen direkt an der schwedisch-norwegischen Grenze. Nur einen Monat im Jahr ist es dort durchschnittlich wärmer als zehn Grad, ansonsten ist es eisig kalt, manchmal bis minus 30 Grad. Aber nicht nur kalt ist es in Lappland, auch dunkel: Die Sonne scheint im Winter an manchen Tagen sogar gar nicht.

Flucht ins Nirdendwo

Hier, mitten im Nirgendwo, sind seit Oktober 600 Flüchtlinge aus 23 Ländern untergebracht, hauptsächlich Afghanen, Syrer und Eritreer. Vor einem Jahr noch hatte das Dorf rund 20 Einwohner, heute sind es mehr als dreißig Mal so viele. Wenn aus 20 Einwohnern plötzlich 620 werden, erfordert es von allen Beteiligten viel Hilfsbereitschaft. So zögerte der Geschäftsführer des Skihotels nicht lange, als ein Mitarbeiter des schwedischen Migrationsministeriums ihn anrief und um die Unterbringung bat. Seitdem richtet sich die Hotelküche nach den Vorgaben des Amtes. Schwein verbietet die Behörde, die meisten Flüchtlinge sind Muslime.

Selbstorganisation ist gefragt

Aber auch die Flüchtlinge passten sich den neuen Gegebenheiten an: Sie organisieren sich selbst in Sportgruppen, spielen oder kochen gemeinsam. Während einige von ihnen noch mit der ungewohnten Dunkelheit und Kälte zu kämpfen haben, freut sich der neunjährige Javid Savary aus Afghanistan über den Schnee: "Manchmal spiele ich im Schnee, das gefällt mir, ich kenne das ja so nicht – aber es ist hier wirklich sehr dunkel.“

Sprachkurs zur Vergangenheitsbewältigung

Die Flüchtlinge haben aber nicht nur mit dem Klima zu kämpfen, sondern auch mit ihren Erinnerungen. Der Schwedischunterricht zweier pensionierter Lehrer sorgt nicht für Vergangenheitsbewältigung, aber für Ablenkung: So sollen die Neuankömmlinge schnell die Sprache lernen und nach der Bewilligung ihres Antrages so bald wie möglich eine Schule besuchen. Doch das kann dauern: Aufgrund der hohen Anzahl an Anträgen dauert ein Asylverfahren mittlerweile gut neun Monate. So lange müssen sich die Flüchtlinge selbst beschäftigen, denn viel ist in Riksgränsen nicht los.

Von Damaskus, Homs, Aleppo in die Provinz

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Weit führen die Wege in Riksgränsen nicht: Der Ort hat nur 20 Einwohner.

Nach 100 Metern ist man am Bahnhof, von dem aus zweimal täglich ein Zug Richtung Süden fährt. Nach weiteren 300 Metern ist man am Supermarkt, wo die 24 Kronen, die jeder am Tag bekommt, nur für ein Duschgel reichen. Außerdem gibt es in Riksgränsen einige Wohnmobile, die nur im Sommer bewohnt sind, und ein paar leere, graue Häuser. Nach einem Kilometer ist man am See, nach fast zwei Kilometern an der Grenze zu Norwegen. Eigentlich sollen die Kinder die Schule besuchen, doch die nächste ist 40 Kilometer weit weg.

Ein Gerücht über Schweden

In Syrien, wo die meisten der Flüchtlinge herkommen, erzählen sich die Menschen ein Gerücht über Schweden: Wer dort hingeht, sagen sie, der wird einsam. Dass Gerüchte manchmal so weit von der Wirklichkeit nicht entfernt sind, erfahren sie derzeit am eigenen Leib. Doch Menschen, die viel Schlimmeres durchgemacht haben, lassen sich von der kalten und dunklen Realität in Schweden nicht abschrecken. Zwar sind die Flüchtlinge nicht an so ein Wetter gewöhnt und die Dunkelheit macht ihnen zu schaffen, jedoch überwiegt die Freude endlich in Sicherheit angekommen zu sein. Nach der langen und gefährlichen Flucht ist das für Javid das Wichtigste: "Ich bin so glücklich, jetzt in einer friedlichen Umgebung leben zu dürfen.“

Bislang galt Schweden als Vorbild grenzenloser Hilfsbereitschaft: Mit etwa 200 000 Flüchtlingen rechnet das Land in diesem Jahr. Kein Land in Europa empfängt mehr Flüchtlinge gemessen an der Bevölkerungsgröße. Doch jetzt bricht Schweden radikal mit seiner liberalen Asylpolitik: Kontrollen an der Grenze zu Dänemark wurden wieder eingeführt, eine Umsiedlung der schwedischen Flüchtlinge in EU-Nachbarländer beantragt und vor einer Weiterreise nach Schweden gewarnt. Vom Migrationsminister Morgan Johannsen heißt es, das "Land könne ihnen keine Unterkunft mehr garantieren“.

Die Flüchtlinge in Riksgränsen hingegen haben bereits ein Dach über dem Kopf. Doch Mitte Februar kommen die Touristen und die Flüchtlinge müssen das Skihotel verlassen. Wohin es dann geht, steht noch nicht fest.

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