Die "schwarzen" Kinder Chinas

geboren ohne Recht auf Leben

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"Schwarze“ Kinder: So nennen sie in China Zweitgeborene, die wegen der Ein-Kind-Politik jahrelang als illegal galten. Diese wurde im Januar abgeschafft, für die Betroffenen änderte sich bisher wenig.

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"Schwarze“ Kinder – so werden in China Kinder genannt, die eigentlich gar nicht existieren dürften. Jahrzehntelang galten Millionen von Zweit- und Drittgeborenen wegen der chinesischen Ein-Kind-Politik als illegal. Sie dürfen nicht in die Schule, nicht arbeiten, nicht heiraten und sind nicht versichert. Im Oktober letzten Jahres hat das Zentralkomitee der kommunistischen Partei Chinas (KPCh) angekündigt, die Ein-Kind-Politik abzuschaffen. Seit Januar gehört die strenge Familienpolitik nun der Vergangenheit an. Für die Betroffenen hat sich damit aber bisher kaum etwas geändert.

Wang Youyou könnte ein ganz normaler vierjähriger Junge sein – doch er darf es nicht. Youyou ist Zweitgeborener, das heißt in China: Er existiert nicht, zumindest nicht offiziell. Die Chinesen nennen sie "Heihaizi“, im Sinne von "im Verborgenen geblieben“: Youyou gilt als illegal. Er darf nicht bei seiner Familie in Peking leben, nicht mit ihr gesehen werden, Treffen finden heimlich statt. Daher lebt der Vierjährige bei seinen Großeltern auf dem Land – das ist ungefährlicher für ihn und seine Familie. Denn sonst drohen seinen Eltern hohe Strafen: 370 000 Yuan, umgerechnet fast 53 000 Euro. In China sind das zwei Jahresgehälter, eine horrende Summe, die die Familie nicht aufbringen kann. Einzige Lösung: Der kleine Junge muss versteckt werden.

Wang Youyou: Opfer der Ein-Kind-Politik

Wie viele dieses Schicksal teilen, ist unklar, doch es dürften Millionen sein. Chinas jüngste Volkszählung im Jahr 2010 ergab, dass 13 Millionen Chinesen nicht staatlich registriert sind. Darunter hauptsächlich "schwarze“ Kinder. Sie alle sind Opfer der Jahrzehnte andauernden Ein-Kind-Politik der Volksrepublik. Nach einem explosionsartigen Anstieg der Einwohner ab 1949 sollte das Bevölkerungswachstum gebremst werden, um so Hungersnöte zu verhindern und wirtschaftliche Fortschritte zu ermöglichen. Das Gesetz, das 1979/1980 in Kraft trat, sieht vor, dass eine Familie nur ein Kind haben darf. Weiteren Kindern wurde der Eintrag in das Melderegister versagt.

Doch der Eintrag in der sogenannten Hukou ist Voraussetzung für einen Platz in der Schule, Anmeldung bei der Krankenversicherung und für andere sozialen Leistungen. Bislang konnten solche Familien ihren Kindern nur durch Zahlung von Bestechungsgeldern oder "Sondergebühren“ einen Schulplatz sichern. Für Personen ohne Hukuo, wie Youyou, ist es unmöglich, ein Bankkonto zu eröffnen oder eine reguläre Anstellung zu finden.

Pekings neue Familienpolitik: Mehr Kinder braucht das Land

Aber auch für den Staat brachte die restriktive Familienpolitik hauptsächlich Nachteile mit sich: Die Gesellschaft überaltert, Arbeitskräfte fehlen und Soziologen zufolge entstand eine neue Generation von Einzelkindern, den "kleinen Kaisern“. Ein weiteres Problem: Da die konfuzianische Tradition vorsieht, vorrangig die männliche Erblinie zu erhalten, wurden Schwangerschaften mit weiblichen Embryonen abgebrochen, Frauen zur Abtreibung gezwungen oder die geborenen Mädchen in Waisenhäusern zurückgelassen. Wer dennoch ein zweites Kind auf die Welt brachte, dem drohten hohe Strafen oder gar Gefängnisaufenthalte. Die Folge: Heute herrscht ein "Mädchenmangel“, weibliche Arbeitskräfte fehlen und viele Männer finden keine Partnerin.

two girls drink milk from sanlu brand bottles while waiting to be checked for kidney stones at a children's hospital in shenzhen, in south china's guangdong province wednesday, sept. 17, 2008. china has reported four deaths tied to tainted baby formula, at least three of them infants, while the number of sickened babies has risen to 6,244. thus far, all of the deaths and illnesses have been linked to formula from one producer, sanlu, based in the northern chinese city of shijiazhuang. (ap photo/color china
Seit Januar dürfen chinesische Paare offiziell zwei Kinder haben. Quelle: ap

Zum Jahreswechsel dann der entscheidende Umbruch: Die Ein-Kind-Politik gehört offiziell der Vergangenheit an. Wie die Reformarbeitsgruppe unter Präsident Xi Jinping verkündete, soll "das Problem der unregistrierten Bürger umfassend gelöst werden“. Künftig soll es jedem Ehepaar erlaubt sein, zwei Kinder zu haben. Und das wird sogar staatlich gefördert: Der Staat zahlt die Entfernung hormoneller Verhütungsmittel und investiert in Angebote für künstliche Befruchtung. Denn neue Kinder braucht das Land – für eine stabile chinesische Bevölkerung ist laut Chinesischer Akademie der Sozialwissenschaften eine Quote von 2,1 Kindern pro Mutter notwendig, nicht wie bislang 1,6 Kinder.

Der Vierjährige wartet auf seine Anerkennung

Derzeit zeichnet sich in China noch kein Babyboom ab, viele Frauen schrecken aufgrund der hohen Kosten und der teuren Berufsausbildung vor einem zweiten Kind zurück. Bereits lebende Kinder wie Youyou hoffen nun auf ein "normales“ Leben. Immerhin wohnt der Vierjährige mittlerweile zu Hause, bei seinen Eltern und seiner Schwester. Doch auch mehr als zwei Monate nach der Entscheidung über die Zwei-Kind-Politik reagieren die Behörden nicht auf die Anfrage von Youyous Familie, endlich offiziell anerkannt zu werden. Solange bleibt sein Rechtsstatus weiter im Unklaren, wie auch die Frage nach einer Strafzahlung.
Auch wenn das geschieht, wird niemand Youyou die Zeit ohne seine Familie zurückgeben können.

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