Zerrissenes Amerika

Reise durch ein gespaltenes Land

Clinton vs. Trump: Die USA erleben einen Wahlkampf, den das Land so noch nicht erlebt hat: Zwei selten unbeliebte Kandidaten treten in einer entfesselten Schlammschlacht gegeneinander an. Doch hinter der Radikalisierung der politischen Kultur steckt eine gesellschaftliche Krise.

„Es ist echt nicht verkehrt, reich zu sein“, sagt Jo Farrell, er steht breit grinsend vor seinem riesigen Haus in Sagaponack auf Long Island. Es ist der teuerste Ort in den unfassbar teuren Hamptons, der wertvollste Grund in den USA, ja, auf dem ganzen Planeten.

313 Einwohner hat Sagaponack, die meisten sind prominent: Die Clintons mieten hier im Sommer ein Haus, Billy Joel, Caroline Kennedy, Frank Stella und Lloyd C. Blankfein, Chef der Investmentbank Goldman Sachs, besitzen eins. Für 60 Millionen Dollar würde Jo sein Haus verkaufen. Und wer sich nur einmal so fühlen will wie ein Star, kann es für 500.000 Dollar zwei Wochen lang mieten.

„Mir ging es unter jedem Präsidenten gut“

Nur ein Prozent der Bevölkerung der USA erwirtschaften 58 Prozent des Einkommens und Jo, der in den Hamptons als Immobilienentwickler sein Vermögen gemacht hat, zählt sich gar zu den 0,1 Prozent. Wie die Wahl ausgeht, ist ihm egal: „Mir ging es bisher unter jedem Präsidenten gut. Jede Klasse hat so ihre Erwartungen an die Regierung. Und die nichts haben, wollen natürlich mehr. Ich erwarte überhaupt keine Hilfe. Die Regierung soll fair sein und für Sicherheit sorgen. Das ist das wichtigste.“

Hilfe hat Jo auch nicht nötig, höchstens, was die Einrichtung seiner ziemlich protzigen Villa angeht, da ist er verunsichert. „Meine Frau und ich haben das Wohnzimmer leider im klassischen Stil einrichten lassen, aber das gefällt uns nicht mehr. Wir hätten es jetzt lieber modern.“

60 Millionen ohne Krankenversicherung

Anhänger von Clinton und Trump
Clinton und Trump? Am 8. November haben die US-Bürger die Wahl. Quelle: ap

Das sind Sorgen, von denen die meisten Amerikaner nur träumen können. Während die Einkommen der Reichen in den vergangenen 25 Jahren um 138 Prozent gestiegen sind, gerät die Mittelklasse immer stärker unter Druck. Nur 15 Prozent beträgt der Anstieg im gleichen Zeitraum, berücksichtigt man die Inflation, ist ihre Kaufkraft gesunken. 60 Millionen Amerikaner haben keine Krankenversicherung, darunter auch viele Freiberufler und Angestellte, die der Mittelklasse angehören.

Roger und Shannon Dexter aus Las Vegas zum Beispiel. Mehr als 300.000 Dollar Studienkredit lasten auf ihnen, alleine daran werden der Chiropraktiker und seine Frau wohl bis an ihr Lebensende abzuzahlen haben. Eine Krankenversicherung ist bei ihnen deshalb nicht drin, jede Erkrankung kann ihre Existenz gefährden. Seit vor sechs Wochen ihre Tochter Leonore auf die Welt kam, ist das Risiko noch größer geworden.

Der Stripclub als letzter Ausweg

Shannon Dexter denkt jetzt sogar über eigentlich Undenkbares nach: „Ich habe Freundinnen, die sind Stripperinnen, für vier Stunden gibt es tausend Dollar. Dafür muss ich sonst einen ganzen Monat arbeiten. Aber will ich das? Ich weiß es nicht? Vielleicht komme ich an einen Punkt, an dem ich es machen muss.“

Das erinnert an den Befreiungsschlag aus der Mittelstandsmisere von Walter White, dem biederen und unterbezahlten Chemielehrer aus der erfolgreichen Fernsehserie „Breaking Bad“. Er fängt an, die Partydroge Crystal Meth zu kochen und beginnt so eine steile Verbrecherkarriere, nicht zuletzt, um eine Krebsbehandlung zu bezahlen. Kein Zufall, dass die Serie ab 2008 produziert wurde, dem Jahr der großen Krise, die viele amerikanische Hausbesitzer in die Armut trieb.

Zwölf Millionen illegale Einwanderer

Albuquerque, New Mexico, die Stadt, in der die Serie spielt, liegt nicht weit von der mexikanischen Grenze, einem weiteren heißen Thema im Wahlkampf. Eine Mauer fordert der republikanische Kandidat Donald Trump, bezahlt vom mexikanischen Staat, dort, wo jetzt schon ein fünf Meter hoher massiver Stahlzaun steht. Und die etwa zwölf Millionen lateinamerikanischen Einwanderer, die ohne gültige Papiere in den USA leben, will er wieder zurückschicken.

Zully Garcia ist eine von ihnen. Vor 15 Jahren ist sie vor dem Elend und dem Drogenkrieg aus Ciudad Juárez ins drei Stunden entfernte Albuquerque geflohen, von Mexiko in die USA. Seit einem Jahr besitzen sie und ihr Mann Carlos ihr eigenes Stück Land, vor den Toren der Stadt in der Wüste mit einem unfassbar schönen und weiten Blick nach Süden, Richtung Grenze. Sie bauen an ihrem amerikanischen Traum, aber sind auch darin gefangen, denn sie könnten, wenn sie auch nur einmal die Grenze nach Mexiko überquerten, nicht wieder zurück. Vor Trumps Drohungen hat Zully keine Angst: „Sie brauchen uns ja hier. Sonst müssten sie selbst das Essen von den Feldern ernten. Das tun aber wir. Und wir arbeiten in ihren Hotels und Supermärkten. Die ganze schlecht bezahlte harte Arbeit bleibt für uns, so ist leider die Realität.“

Hühner, die Enten aufziehen

Steuern zahlt Zully, sie hat einen US-Führerschein, aber keinen Pass und auch nicht das Recht, zu wählen. Nur ihre Kinder, die in den USA geboren worden sind, haben das Privileg der US-Staatsbürgerschaft – und eine Kindheit in einer anderen Kultur: „Carlos und ich fühlen uns wie Hühner, die Enten aufziehen“, sagt Zully.

Vielleicht werden es die Kinder von Zully und Carlos einmal einfacher haben, sicher ist das jedoch nicht. 88 Prozent der Afroamerikaner, die andere große ethnische Minderheit in den USA, fühlen sich noch immer diskriminiert. Trotz Bürgerrechtsbewegung und trotz Obamas Präsidentschaft tut sich die tiefste Kluft im heutigen Amerika zwischen schwarz und weiß auf. TNT ist ein junger Rapper, er tritt in einem Klub in Memphis auf. Fast zwei Drittel der Einwohner Großstadt in Tennessee sind schwarz.

Angst vor der Polizei

Proteste gegen Polizeigewalt vor dem Weißen Haus
Proteste gegen Polizeigewalt vor dem Weißen Haus Quelle: ap

„Die wollen uns in eine Kiste stecken, verhindern, dass wir lernen. Sie wollen, dass unsere Gesichter bluten, wir werden gejagt und getötet, seit 500 Jahren ist mein Volk im Unglück“, schreit sich TNT die Wut aus dem Bauch. Es sind Vorfälle wie dieser, die Leute wie TNT so wütend machen und Mütter so traurig. Darrius Stewart, ein 19 Jahre alter Afroamerikaner gerät im Juli 2015 in Memphis in eine Polizeikontrolle. Es kommt zum Streit, der 23 Jahre alte weiße Polizist erschießt Darrius. In Notwehr, sagt der Beamte. Aber das glaubt Mary Stuart nicht: „Er war noch nie festgenommen worden. Mein Sohn hatte immer die besten Noten in der Schule. Er träumte davon, aufs College zu gehen und Arzt zu werden. Der Traum wurde ihm in dieser Nacht gestohlen. Einem Kind wird das Leben gestohlen weil seine Hautfarbe schwarz ist.“

Nur ein Fall von vielen – und auch in diesem kommt es nicht einmal zur Anklage gegen den Polizisten. Mary Stuart kann das nicht glauben: „Ich lebe seither jeden Tag wie in einem Alptraum. Wie soll man damit fertig werden? Diese Leute sagen, sie würden uns dienen und uns beschützen. Genau die bringen uns um. Diese Beamten sind da draußen und töten schwarze Menschen. Die haben ein Abzeichen und die Lizenz zum Töten. Sie missbrauchen ihre Macht. Das muss aufhören und es wird aufhören.“

Und so ist die größte Angst vieler schwarzer Mütter, dass ihr Sohn in eine Polizeikontrolle gerät.

Größe oder Gerechtigkeit

Ob Hispanics, Afroamerikaner oder einfach nur Mittelschicht, das Leben vieler US-Amerikaner ist in den vergangenen 25 Jahren nicht besser geworden. Das ist eine Erklärung für die abnehmende Akzeptanz des politischen Betriebs. Doch wie wird es nach der Wahl weiter gehen? Kann Donald Trump Amerika wirklich wieder an Größe gewinnen lassen und der Mittelschicht eine Perspektive bieten? Wird Hillary Clinton eine Präsidentin, die eine gerechtere Gesellschaft aufbaut?

Oder hat am Ende doch Jo Farrell recht, der Bauunternehmer aus Sagaponack: „Es ist egal, wer die Wahl gewinnt, unser politisches System ist so konstruiert, dass der Präsident nicht viel ändern kann.“

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