Bürgerwehren in Bulgarien

Selbstjustiz an der Grenze

Politik | auslandsjournal - Bürgerwehren in Bulgarien

Selbstjustiz an der Grenze

Beitragslänge:
7 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 08.06.2017, 23:15

Sie hoffen auf Schutz und Frieden – doch was sie in Europa erwartet, ist genau das Gegenteil. Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und Afrika werden auf brutale Art und Weise an der bulgarisch-türkischen Grenze von Bürgerwehren gejagt.

„Geht zurück! Zurück in die Türkei. Kein Bulgarien für euch!“ – in einfachem Englisch werden vier Männer angeschrien - sie liegen am Boden, gefesselt mit Kabelbindern. Um Sie herum laufen mehrere bewaffnete Personen in Tarnkleidung. Es sind Mitglieder einer bulgarischen Bürgerwehr. Sie schützen ihre Heimat vor Flüchtlingen - dafür patrouillieren die Hilfssheriffs mit Messern bewaffnet bei „Spaziergängen“ an der bulgarisch-türkischen Grenze, spüren „Invasoren“ auf, nehmen sie fest und übergeben sie den offiziellen Grenzpolizisten. Eine Erlaubnis haben die Bürgerwehren dafür nicht - doch die Polizei duldet die Grenzschützer oftmals stillschweigend.

Bürgerwehren in Bulgarien
Selbsternannte Bürgerwehren machen Jagd auf Flüchtlinge. Quelle: ZDF


Gemeinsame Flüchtlingsjagd
Seitdem sich die Staaten entlang der Balkenroute mit hohen Zäunen abschotten und die Türkei im Rahmen des Deals mit der EU ihre Grenzen sichert, kommen deutlich weniger Flüchtlinge über das Mittelmeer. Sie weichen nun auch über die bulgarisch-türkische Grenze aus – der Zaun dort bietet noch Schlupflöcher. Ihnen gegenüber stehen Bürgerwehren wie die „militärische Union Bulgarien“ oder die „Organisation zum Schutz der bulgarischen Bürger“.


Das Phänomen beschränkt sich nicht allein auf Bulgarien: Überall in Europa – vor allem in Osteuropa – schließen sich Rechtsradikale, Waffenfanatiker, Vaterlandsverteidiger und ganz normale Bürger zu Privatmilizen zusammen und machen Jagd auf Flüchtlinge. Die bulgarischen Bürgerwehren planen gar eine europäische Miliz von Bulgarien aus aufzubauen – hierfür vernetzen sich die europäischen Gruppierungen auf Konferenzen. Hier zeigten sich zuletzt auch Pegida-Anhänger.


Flüchtlingsjäger als mediale Stars
Ihre Taten dokumentieren die „besorgten“ Bürger oftmals in Videos. Diese stellen sie ins Internet und werden online dafür gefeiert. Allen voran Dino Walew: In seinen Videos ist zu sehen, wie der 29-Jährige Schrotthändler und ehemalige Wrestler mit seinem Quad entlang der bulgarisch-türkischen Grenze patrouilliert und Flüchtlinge jagt – er ist für viele Bulgaren ein Superstar.

Nun erhielt die Akzeptanz gegen die fremdenfeindlichen Suchtrupps jedoch einen Dämpfer: Vor kurzem wurde aufgrund einer Anzeige der Menschenrechtsorganisation „Helsinki-Komitee“ ein Ermittlungsverfahren eingeleitet und ein inoffizieller Grenzschützer inhaftiert. Auch Ministerpräsident Bojko Borrisow, der sich zunächst bei den Bürgerwehren bedankte, ruderte leicht zurück: Er sei lediglich falsch verstanden worden.


Den Flüchtlingen, die durch die Bürgerwehr festgenommen wurden, hilft das nicht – noch bevor sie in Europa Frieden und Schutz finden konnten, erlebten sie genau das, wovor sie geflohen sind: Verfolgung und Gewalt.

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