Späte Gerechtigkeit

Historischer Prozess gegen Ex-Diktator Habré

Politik | auslandsjournal - Späte Gerechtigkeit

Hissène Habré war einer der schlimmsten Despoten Afrikas - etwa 40.000 Menschen sollen seinem Regiem im Tschad zum Opfer gefallen sein. Nun, nach einem Vierteljahrhundert, steht er vor Gericht.

Beitragslänge:
6 min
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Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 25.05.2017, 20:19

Zum ersten Mal wird einem afrikanischen Ex-Diktator auf afrikanischem Boden der Prozess gemacht. Die Ankläger erhoffen sich auch eine Signalwirkung für andere Despoten.

Unabhängig davon, wie das Urteil am 30. Mai ausfällt: Der Prozess gegen Tschads Ex-Diktator Hissène Habré ist schon jetzt geschichtsträchtig. Noch nie ist ein afrikanischer Machthaber auf dem eigenen Kontinent für Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Rechenschaft gezogen worden. Das Signal: Gräueltaten werden nicht vergessen, auch, wenn sie bereits Jahrzehnte zurückliegen.

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Der Internationale Gerichtshof verurteilte Habré 2012 in Abwesenheit.

1982 hatte sich Habré im Tschad an die Macht geputscht. In den folgenden Jahren etablierte er ein Einparteiensystem, das keinen Widerspruch duldete. Seine geheime Staatspolizei DDS folterte und ermordete systematisch Oppositionelle und Angehörige ethnischer Minderheiten. Etwa 40.000 Menschen, so schätzt eine tschadische Untersuchungskommission, sind dem mörderischen System zum Opfer gefallen. Zehntausende leiden bis heute unter den Folgen der Folter.

Asyl für den Despoten

Gerechtigkeit erfahren Opfer afrikanischer Despoten nur allzu selten, lange sah es auch im Tschad nicht danach aus. Nach seinem Sturz 1990 war Habré in den Senegal geflohen, erhielt dort politisches Asyl. Ein Vierteljahrhundert lebte er unbehelligt unter dem Schutz der Regierung. Noch 2011 erklärte der Außenminister des Landes, dass es in Dakar keinen Prozess gegen Habré geben werde.

Dass es nun doch dazu kommen konnte, ist neben der neuen liberalen Regierung des Senegal vor allem der Beharrlichkeit derer zu verdanken, die seit Habrés Sturz für seine Verurteilung kämpfen. Darunter sind prominente Anwälte wie „Diktator-Jäger“ Reed Brody, aber auch viele Opfer Habrés. So zählt das Verfahren über 4400 Nebenkläger, 98 Zeugen haben während des Prozesses gegen den Ex-Diktator ausgesagt. Sie erhoffen sich, durch eine Verurteilung ein Stück weit mit der Vergangenheit abschließen zu können. Habré drohen 40 Jahre Haft.

Ein weiter Weg

chadian troops previously stationed by the sudanese border make a stop on their way to lake chad near baga sola friday march 6, 2015.  large contingents of chadian troops were seen heading to the region bordering nigeria,  where residents and an intelligence officer said boko haram fighters are massing at their headquarters in the northeast nigerian town of gwoza in preparation for a showdown with multinational forces. (ap photo / jerome delay)
Ethnische Konflikte erschüttern den Tschad seit Jahrzehnten.

Der Tschad steht stellvertretend für viele Probleme Zentralafrikas: Das Land ist eines der ärmsten der Welt, das Bildungsniveau ist niedrig, die Korruption hoch. Ohne internationale Hilfe können viele Menschen, gerade in den nördlichen Gebieten in der Sahara, kaum überleben. Ethnische Konflikte dauern bereits Jahrzehnte an und werden mitunter, so der Vorwurf von Menschenrechtsorganisationen, von westlichen Staaten für eigene Interessen instrumentalisiert.

So sehen viele Nebenkläger den Prozess erst als Anfang der Aufarbeitung der Habré-Diktatur: Sie fordern eine Klärung der Rolle Frankreichs und der USA, die vor dem Putsch Habrés Rebellen schulten und mit Waffen ausrüsteten. Der Diktator galt als Bollwerk gegen den libyschen Machthaber Gaddafi, der Gebiete des Nordtschad beanspruchte. Die Gräueltaten Habrés interessierten da wenig - noch 1987 wurde der Despot mit allen Ehren von Präsident Reagan in den USA empfangen.

Und so ist das Verfahren nur ein erster Schritt auf einem langen Weg der Aufarbeitung – aber es ist ein historischer Schritt, für den viele ein Vierteljahrhundert gekämpft haben.

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