In Unterhose zur Stechuhr

Italiens ineffizienter Staatsapparat

Politik | auslandsjournal - In Unterhose zur Stechuhr

In Unterhose zur Stechuhr

Beitragslänge:
6 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 16.03.2017, 17:59

Der idyllische Kurort Sanremo an der Riviera di Ponente war bis vor kurzem besonders für sein Schlagerfestival bekannt. Im letzten Jahr verhalf ein Polizist in Unterhosen dem italienischen Kurort zu neuer Berühmtheit und hat die langwierige Debatte um den ineffizienten Staatsapparat erneut angestoßen.

Wie jeden Morgen ging der Beamte pflichtbewusst aus der Wohnung gegenüber seiner Dienststelle, nahm seine Stempelkarte und trug sich pünktlich ein. Doch statt den Dienst anzutreten, führte sein Weg direkt zurück ins Bett, um weiterzuschlafen. Das Kuriose an der Geschichte: Der Mann machte sich nicht einmal die Mühe sich anzuziehen, sondern erschien in Unterhose. Aufgeflogen ist die bizarre Geschichte durch eine verstecke Kamera der Finanzpolizei, die den morgendlichen Ausflug des Staatsdieners filmte.


Kanu fahren statt Akten wälzen
Die Geschichte des unzureichend uniformierten Beamten steht seitdem sinnbildlich für den öffentlichen Dienst in Italien, in dem das Schummeln bei der Arbeitszeit unter den Kollegen wohlbekannt ist. Ob in den Verwaltungen, Krankenhäusern, Schulen oder anderen öffentlichen Einrichtungen, überall wird bei der lästigen Zeiterfassung, durch die „fannulloni“, Faulpelze, getrickst: So gibt es Ärzte, die ihr Gehalt während ihrer eigentlichen Schicht in privaten Krankenhäusern aufbessern, Rathausmitarbeiter, die Kanu fahren, anstatt am Schreibtisch Akten zu wälzen und Beamte, die wieder schlafen gehen, anstatt Verkehrssünder auszubremsen. Wenn bisher ein solches Vergehen aufflog, so hatte dies kaum Auswirkungen: Laut einer Statistik der öffentlichen Verwaltung aus dem Jahr 2013 endeten lediglich 200 von 6500 Disziplinarverfahren mit einer Kündigung.

Italienischer Beamter geht in Unterhose zur Stechuhr
Italienischer Beamter geht in Unterhose zur Stechuhr.


Ökonomischer Schaden

Die Krankmeldungen im öffentlichen Dienst liegen zwischen neun und fünfzehn Prozent, in der Privatwirtschaft hingegen nur bei vier Prozent. So sorgen die Staatsdiener für einen jährlichen wirtschaftlichen Schaden von vier Milliarden Euro. Damit soll nun Schluss sein.


Basta - es reicht
Der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi reagierte schnell auf den Skandal und brachte im Januar einen Gesetzesentwurf durch. Betrüger sollen nun hart bestraft werden: Wer bei dem Missbrauch der Stempelkarte beobachtet wird, oder einem Kollegen zu einem ausgedehnten Schlaf verhilft, der soll binnen 48 Stunden suspendiert und von der Gehaltsliste gestrichen werden. Auch Vorgesetzte, die ihre Angestellten decken, sollen schnellstmöglich zur Rechenschaft gezogen werden.
Der Polizist in Unterhosen braucht nun übrigens nicht mehr zur Stempeluhr zu gehen: Er erhielt vor kurzem seine Kündigung.

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