Mehr Sicherheit für weniger Freiheit

Kann Europa von Israel lernen?

Politik | auslandsjournal - Mehr Sicherheit für weniger Freiheit

In Israel hat Sicherheit allerhöchste Priorität. Für den Kampf gegen den Terror nehmen die Israelis jeden Tag Einschränkungen ihrer persönlichen Freiheiten in Kauf. Kann Europa von Israel lernen?

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6 min
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Video verfügbar bis 27.07.2017, 12:36

Terrorangriffe kennt Israel schon seit Jahrzehnten. Die ständige Bedrohung ist Teil des Alltags. Um Anschläge zu verhindern, nehmen Israelis große Einschränkungen in Kauf.

Tel Aviv: Wer viel nach Israel reist, kennt das. Wer häufig hier abfliegt, ebenfalls. Fluggastkontrollen, schon im Außenbereich des Terminals des Flughafens Ben Gurion. Jährlich stehen sich hier 15 Millionen Fluggäste die Beine in den Bauch. Warten auf eine der vielen Sicherheitskontrollen: Fragen nach Reiseziel, Reisedauer oder Reisegrund werden gestellt.

Wer verdächtig ist, wird isoliert

Wer in den Augen der Polizisten verdächtig erscheint, wird sofort isoliert. Es folgt: eine sicherheitstechnische Sonderbehandlung, noch weitere, noch intensivere Checks. Die Beamten haben Erfahrung, viel Erfahrung. Sie erkennen, von wem Gefahr ausgeht und von wem nicht. Und wenn sie sich nicht sicher sind, halten sie sich an die Vorgaben aus dem Innenministerium.

Fragwürdige Grundlagen

Die sind zwar rundheraus rassistisch, für die Beamten aber bindend. "Racial profiling“ – also das Aussuchen von Verdächtigen aufgrund von Rasse, Hautfarbe, Religion, gehört in Israel dazu. In den meisten demokratischen Staaten der Welt ist eine solche Vorgehensweise geächtet, in Israel nicht. Sicherheit geht hier, sagen die Behörden, vor Freiheit.

Internationale Zusammenarbeit

Doch auch die Maßnahmen außerhalb des Blickfeldes der Passagiere sind weitreichender als in anderen Ländern: Geheimdienste überprüfen Passagierlisten, Sicherheitskräfte patrouillieren auf dem Gelände, es besteht eine direkte Verbindung zwischen Flughafen und Informationssystem der israelischen Luftwaffe. Die Sicherheitsstandards am Tel Aviver Flughafen gelten weltweit als beispiellos. Flughafenbetreiber aus den Vereinigten Staaten und Europa lassen sich vor Ort beraten wie Terminals effizienter gesichert werden können. Dass islamistische Selbstmordattentäter in die Abflughalle eindringen – wie Mitte März in Brüssel – scheint hier unmöglich.

Vorbild in der Terrorismusbekämpfung?

israeli soldiers play soccer next to a tank at the kissufim crossing, on the border with the gaza strip, thursday, june 19, 2008. guns went quiet as a six-month truce between israel and gaza strip militants took effect early thursday, marred only by widespread skepticism about its ability to hold. the cease-fire, which egypt labored for months to conclude, aims to bring an end to a year of fighting that has killed seven israelis and more than 400 palestinians _ many of them civilians _ since the islamic mil
Alltag trotz Terrorgefahr: Für Israelis nichts Außergewöhnliches.

Israels Maßnahmen zur Terrorabwehr mögen in den Augen von Humanisten und Liberalen als überzogen gelten. Fakt ist: Der jüdische Staat muss sich schützen. Tut es. Und spricht darüber. Attentate wie am Brüsseler Flughafen vor einigen Wochen, die Amokfahrt in Nizza – alles Szenarien, die man in Israel kennt. Und gegen die man sich schützt, so gut es geht.
Effektive Maßnahmen, zum Beispiel gegen Autobomben, sind die überall platzierten "Anti-car-ramming“-Systeme. Tonnenschwere Betonpoller, die Fahrer davon abhalten, öffentliche Gebäude zu erreichen. Die Poller stehen auch vor Bushaltestellen. Oder das Beispiel Bahnhöfe: Hier werden Waffenscanner eingesetzt.

Der Preis der Sicherheit

Die israelische Gesellschaft hat sich damit abgefunden, dass das Diktat der Sicherheit omnipräsent ist: Kontrollen, Überwachung, hohe Polizei- und Militärpräsenz überall. Keine Einfahrt ins Parkhaus ohne Kofferraum-Check, kein Shopping im Einkaufszentrum, keine Strandbesuche ohne Metalldetektor und Taschenkontrolle. Maßnahmen, die zwar Milliarden kosten und die Freiheit der Einzelnen einschränken, bei der Bevölkerung aber auf Zustimmung treffen.

Restrisiko bleibt

Trotz aller Vorkehrungen – absolute Sicherheit vor Terrorangriffen gibt es nicht, auch nicht in Israel. Auch, weil sich Terroristen auf Präventionsmaßnahmen einstellen. Immer häufiger kommt es zu Angriffen Einzelner auf Israelis. Messerattacken gehören zum Alltag.
Weil der Sicherheitsapparat in solchen Fällen oft machtlos ist, bewaffnen sich Privatleute zunehmend. Ein Zeichen dafür, dass selbst in Israel eine absolute Sicherheit nicht gewährleistet werden kann.

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