Rumäniens vergessene Generation

Adoptierte Kinder suchen ihre Eltern

Politik | auslandsjournal - Rumäniens vergessene Generation

Zehntausende rumänische Kinder wurden in den 1990er Jahren adoptiert, die meisten von ihnen in den USA. Die, die nun ihre leiblichen Eltern suchen, stoßen auf viele Probleme.

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7 min
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Video verfügbar bis 12.01.2018, 04:10

Zwei Fotos und drei Briefe, mehr ist nicht übrig von Alisas Herkunft. Aufgewachsen ist die 24-jährige Studentin wohlbehütet in der Nähe von New York, geboren aber ist sie als Gabriela in einem Dorf in Rumänien. Mit zwei Jahren kam sie zu ihren Adoptiveltern in die USA. Nun will sie herausfinden, wer ihre leiblichen Eltern sind und warum sie sie weggegeben haben. Alisa alias Gabriela ist kein Einzelfall. Zehntausende rumänische Kinder wurden in den 1990er Jahren adoptiert, viele von ihnen sind nun auf der Suche nach ihrer Herkunft.

Horrorhäuser und Kinderhandel

1990 schockierten Bilder aus rumänischen Kinderheimen die Welt: Verwahrloste Jungen und Mädchen vegetierten unterernährt dahin, sie hatten psychische Störungen entwickelt, waren an Betten fixiert oder saßen in Zellen ohne Tageslicht. Tausende Heimkinder starben Jahr für Jahr. Die Bilder lösten eine Hilfs- und Adoptionswelle aus, Fernsehkampagnen warben „Bringt mich nach Amerika“. Mindestens 30.000 rumänische Kinder wurden in den folgenden Jahren adoptiert, die meisten in den USA. Waren es zunächst vor allem Heimkinder und Waisen, wurden später jedoch auch immer mehr Kinder aus intakten Familien herausgerissen.

Heimkinder in Rumänien 1990
Selbst gestellte Szenen in Vorzeigeheimen zeigten den Mangel: Heimkinder in Rumänien 1990. Quelle: dpa

Denn schnell gesellten sich zu seriösen Vermittlern auch dubiose Geschäftemacher. Es entstand eine regelrechte Beschaffungsindustrie bis hin zum Kinderhandel: Kinder wurden gegen den Willen ihrer Eltern zur Adoption freigegeben, andere Eltern wiederum verkauften ihre Kinder, um das eigene Überleben zu sichern. Manche Kinderheime leerten ihre Betten und füllten die Kassen, und selbst aus Kindergärten und Grundschulen sind Fälle von verschwundenen Jungen und Mädchen bekannt. Und in den USA wollten vielen Adoptiveltern, die sich teils jahrelang vergeblich um ein Kind bemüht hatten, die Umstände der Adoption nicht genau wissen.

Suche nach der Herkunft

Auch deshalb gestaltet sich die Suche der Adoptierten nach ihren leiblichen Eltern oft schwierig. Zwar bieten rumänische Organisationen ihre Hilfe an, durch Wohnortwechsel der Eltern oder untergetauchte Adoptionsvermittler bleiben die Nachforschungen jedoch oft ohne Erfolg. Und auch, wenn die leiblichen Eltern gefunden werden, verläuft das Wiedersehen nicht immer unproblematisch. Zu groß sind die Unterschiede der Lebenswirklichkeiten in Rumänien und den USA. Die Kinder wollten Antworten, die Eltern vor allem Geld, berichtet die rumänische Journalistin Lina Vdovil.

Rumänische Mutter und ihre in den USA adoptierte Tochter
Wiedersehen nach 20 Jahren: Mutter Constantia und Tochter Alisa. Quelle: ZDF

Mit ihrer Hilfe hat Alisa ihre Mutter Constantia aufgespürt. Das erste Internet-Telefonat verläuft tränenreich, auch Constantia habe ihre Tochter nicht weggeben wollen, die Schwiegermutter habe die damals 17-Jährige gedrängt. Für die zweijährige Gabriela sei ihr ein Haus versprochen worden.

Seit 2001 sind Auslands-Adoptionen rumänischer Kinder verboten, heute kommen auf jedes adoptionsfähige Kind im Schnitt zwei bis drei rumänische Bewerberpaare. Und dennoch werden immer wieder Kinder im Ausland adoptiert. Den Ruf, kaum irgendwo sei es leichter an Kinder zur Adoption zu kommen als in Rumänien, ist das Land bisher nicht losgeworden.

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