Umstrittener Favorit

Hamid Karsai stellt sich zur Wiederwahl

Die bisherige politische Bilanz des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai fällt mager aus: Von Sicherheit und Wohlstand ist seine Bevölkerung weiter entfernt denn je. Und dennoch rechnen viele damit, dass Karsai am 20. August bei den Wahlen erneut als Sieger hervorgeht.

der afghanische praesident hamid karsai, aufgenommen am sonntag (18.10.2011) auf dem palastgelaende in kabul. der praesident ovn afghanistan wird am 02.12.2011 in bonn zur afghanistan konferenz erwartet foto: wolfgang kumm dpa +++(c) dpa - bildfunk+++
Hamid Karsai Quelle: dpa

Viel Geld und gute Beziehungen

Als amtierender Staatspräsident ist Hamid Karsai stets präsent: Seine Wahlplakate hängen überall, er bekommt im Fernsehen die meiste Sendezeit, die Zeitungen schreiben über ihn, wenn er mit US-Präsident Obama, der deutschen Kanzlerin Merkel oder mit dem neuen NATO-Generalsekretär Rasmussen spricht. Bei dieser Omnipräsenz haben es seine Gegenkandidaten - viele ehemalige Minister seiner eigenen Regierung - kurz vor der Präsidentenwahl schwer.


Viel Geld fließt derzeit nach Afghanistan für den Wiederaufbau. Neue Straßen und Krankenhäuser, stabile Strom- und Wasserleitungen werden mit Hilfsgeldern aus dem Ausland finanziert - den Fortschritt, davon sind Karsais Anhänger überzeugt, habe Karsai nach Afghanistan geholt, er garantiere gute Beziehungen zur internationalen Staatengemeinschaft.

Und dennoch: die kritischen Stimmen gegenüber Karsai werden auch in der Bevölkerung von Afghanistan lauter. Der Vorwurf: Die Regierung Karsais sei korrupt, der Wiederaufbau gehe nur schleppend voran und viele Regierungsmitglieder seinen in den Drogenhandel verwickelt. Dass Karsai zum Beispiel einen ehemaligen Drogendealer zum Chef der Antikorruptionsbehörde ernennt, stößt auf absolutes Unverständnis.

Darling des Westens

Dabei galt Karsai lange Zeit als Liebling der Westmächte - weltgewandt, westlich orientiert, elegant, mit internationaler Ausbildung. Auch in Afghanistan genießt er großes Ansehen: Sein Großvater war einst Präsident des Nationalrats unter König Mohammed Zahir Shah.

Ein weiterer Vorteil: Karsai ist Paschtune, also Mitglied der dominierenden Gruppe im Vielvölkerstaat Afghanistan. 1957 wird er als viertes von acht Kindern in einem Dorf nahe Kandahar geboren. Als er mit seiner Familie nach Kabul zieht, besucht er dort die Schule. Später studiert er in Indien Internationale Beziehungen. Nach dem Studium verbringt Karsai mehrere Jahre in den USA, baut dort gemeinsam mit seinen Brüdern eine afghanische Restaurantkette auf. Von hier unterstützt er auch den Kampf der afghanischen Mudschaheddin gegen die sowjetischen Streitkräfte, die 1979 in Afghanistan einmarschiert waren.

Exil in Pakistan

Nach dem Rückzug der sowjetischen Truppen 1989 kehrt Karsai zurück in seine Heimat. Von 1992 bis 1994 ist er unter anderem stellvertretender Außenminister in diversen afghanischen Übergangskabinetten. Wachsende Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Mudschaheddin-Gruppen zwingen ihn jedoch ins Exil nach Pakistan. Als die Taliban in Afghanistan an die Macht kommen, unterstützt Karsai sie zunächst. Später bildet er gemeinsam mit seinem Vater im Exil eine Anti-Taliban-Front. Diese hat zunächst keine größeren Auswirkungen. 1999 jedoch wird Karsais Vater ermordet - offenbar von der Taliban.

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 und den darauffolgenden Luftangriffen der Amerikaner und der sogenannten Koalition gegen den Terror, verlässt Karsai sein Exil, um selbst in Afghanistan gegen die Taliban zu kämpfen.

Mangelnde Sicherheit

Nach dem Sturz der Taliban wird er auf Drängen der USA vorläufiger Regierungschef des Landes. In dieser Funktion macht er sich wiederholt für eine stärkere Präsenz von internationalen Truppen in Afghanistan stark, um auch die Sicherheitslage in den Provinzen verbessern zu können. Denn besonders in den südlichen und östlichen Unruheprovinzen kann die US-Armee die Lage nicht dauerhaft kontrollieren, immer wieder gibt es Überfälle von Taliban-Milizen. Auf mehrere Mitglieder der Regierung werden Attentate verübt, auch Karsai selbst entgeht mehreren Anschlägen.

2004 wird Karsai bei der ersten offiziellen Präsidentenwahl in Afghanistan erwartungsgemäß wiedergewählt. Doch er gerät immer mehr unter Druck: Die Vereinten Nationen prangern die Verwicklung von Politkern und Regierungsmitgliedern in den Drogenhandel an, Korruptionsvorwürfe gegen Karsai werden erhoben. Die Taliban erstarkt, die Sicherheitslage verbessert sich nicht, nach Karsais eigenen Einschätzungen verschlechtert sie sich sogar.

Empörung über Ehegesetz

Weitere Finanzhilfen aus dem Ausland von mehr als 20 Milliarden Dollar, so beschließt Karsai, sollen hautsächlich für Sicherheit ausgegeben werden, aber auch für Infrastruktur, Erziehungswesen und Landwirtschaft. Doch ihm wird auch vorgeworfen, er benutze Staatsgeld, um Kontrahenten zu bestechen, ihre Kandidatur aufzugeben oder um sich die Gefolgschaft einflussreicher Warlords, von Gouverneuren und Stammesältesten zu sichern.


Im Frühjahr 2009 sorgt Karsai, der seit 1998 mit der afghanischen Ärztin Zinat verheiratet ist, für weltweite Empörung, als er das neue Ehegesetz der schiitischen Minderheit unterschreibt. Dieses Gesetz räumt Ehemännern weitgehende Verfügungsgewalt über ihre Frauen ein. Kritiker werfen Karsai vor, er habe es unterzeichnet, um im Wahlkampf die Schiiten für sich zu gewinnen. Nach internationalen Protesten stoppt Karsai dieses Gesetz wieder. Auch die Wahl seiner Vize-Präsidenten wird kritisiert, ihnen werden gravierende Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen.

Gefährlicher Wahlkampf

Bei Wahlkampfveranstaltungen taucht Karsai derzeit nur selten auf, zu gefährlich wären öffentliche Auftritte für ihn. Er lässt lieber seine Anhänger für ihn reden - und setzt auf seinen Bekanntheitsgrad. Bei den Wahlen am 20. August ist Karsai Favorit - allerdings ein umstrittener.

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