Viel Geschrei ums stille Örtchen

Die USA streiten über Transgender-Toiletten

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Ein Gesetz in North Carolina verbietet Transgendern die freie Wahl der Toilette. Obama verfügt: Jeder muss überall nach seinem Geschlechtsempfinden aufs Klo gehen dürfen. Nun klagen elf Bundesstaaten.

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6 min
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Video verfügbar bis 01.06.2017, 23:15

Ein Gesetz in North Carolina verbietet Transgendern die freie Wahl der Toilette. Obama verfügt: Jeder muss überall nach seinem geschlechtlichen Empfinden aufs Klo gehen dürfen. Jetzt klagen elf Bundesstaaten.

Ganz Amerika spricht gerade darüber, worüber sonst eher Stillschweigen herrscht: den Toilettengang. Mädchen oder Junge, Männlein oder Weiblein – spätestens an der Tür muss man sich entscheiden. Für die meisten Menschen ist diese Entscheidung ein Leben lang gar keine: Männer gehen auf die Männertoilette, Frauen auf die Frauentoilette. Und Transgender, also Menschen, die ihr Geschlecht entgegen ihrer biologischen Merkmale empfinden? Die entscheiden sich je nach gelebter Identität. Damit ist nun jedoch Schluss, zumindest in North Carolina.

Schutz oder Schikane?

file - in this wednesday, oct. 21, 2015 file photo, a demonstrator holds a sign against the houston equal rights ordinance outside an early voting center in houston. the contested ordinance is a broad measure that would consolidate existing bans on discrimination tied to race, sex, religion and other categories in employment, housing and public accommodations, and extend such protections to gays, lesbians, bisexuals and transgender people. the anti-bias ordinance was repealed in a november 2015 referendum.
Keine Männer im Frauenklo! Forderung eines Gegners von Obamas Verfügung.

Dort zwingt seit Mitte März ein Gesetz Transgender dazu, die Toilette zu benutzen, die ihrem in der Geburtsurkunde stehenden Geschlecht zugewiesen ist. Menschen mit männlichen Geschlechtsmerkmalen müssen folglich aufs Männerklo, Menschen mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen aufs Frauenklo - ungeachtet ihrer empfundenen geschlechtlichen Identität. Befürworter des Gesetzes sagen, sie wollen damit Frauen vor sexuellen Übergriffen schützen. Transgender fühlen sich kriminalisiert, noch nie habe es derartige Angriffe gegeben. Auch die übrigen Gegner halten das Gesetz für Schikane und einen schweren Eingriff in das Recht auf freie Selbstbestimmung.

Auf den Erlass formierte sich – natürlich – umgehend Widerstand: Musiker wie Bruce Springsteen und Cindy Lauper sagten Konzerte in North Carolina ab, Hollywoodfirmen stoppten Filmvorhaben und PayPal und die Deutsche Bank legten Expansionspläne im Bundesstaat auf Eis. Auch Präsident Obama reagierte: In einem Schreiben an alle öffentlichen Schulen in den USA verfügte die Regierung, dass Schülern das Recht eingeräumt werden müsse, diejenige Toilette nutzen zu dürfen, die ihrem empfundenen Geschlecht entspricht. Heißt: Jungen, die sich als Mädchen fühlen, sollen die Mädchentoilette benutzen dürfen und umgekehrt. Dagegen klagten wiederum elf Bundesstaaten – Ausgang offen.

Identität im Wandel

Mit dem Toilettenstreit ist die Debatte über Identität und Gleichberechtigung in den USA neu entfacht. Erst im vergangenen Jahr war in einem aufsehenerregenden Rechtsstreit die Homo-Ehe landesweit legalisiert worden. Einige Staaten fühlten sich mit dem Urteil übergangen, Beobachter sehen nun in der harschen Reaktion der klagenden Bundesstaaten auch eine Art reaktionäre Retourkutsche.

in this march 29, 2016 photo, mitch xia, left, rallies with other organizers during a march on franklin street against n.c. house bill 2 in chapel hill, n.c. the new state law requires transgender people to use the restroom of their biological gender, not the gender with which they identify. stung by setbacks related to their access to public restrooms, transgender americans are taking steps to play a more prominent and vocal role in a nationwide campaign to curtail discrimination against them. (whitney kel
Weiterentwicklung geht nur durch Veränderung - Protest in North Carolina.

Und so trennen die Toilettentüren nicht nur Männlein und Weiblein, sondern Konservative und Liberale. Sie trennen Leute, die glauben, dass Geschlechter naturgegeben sind und Leute, die sie als soziale Konstrukte betrachten. Die einen halten die Debatte über Identitäten für überflüssig und sehen kein Problem, die anderen halten sie für längst überfällig, fordern Unisex-Toiletten und einen offeneren Umgang mit sexueller Selbstbestimmung. Wie auch immer der Toilettenstreit ausgehen mag: Von einem souveränen Umgang mit Geschlecht und Identität sind die USA derzeit weit entfernt.

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