Libyen: Zwischen Einheit und Zerfall

Kein Frühlingserwachen in Bengasi

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Seit dem Sturz von Diktator Gaddafi Anfang 2011 ringen zahlreiche Gruppierungen im Libyen um die Macht. Traurigster Höhepunkt bislang: der Ausbruch des Bürgerkriegs im Mai 2014.

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Video verfügbar bis 15.03.2017, 11:50

Er stand für Hoffnung: Auf Demokratie und Menschenrechte, Mitbestimmungsrecht und einen Neuanfang– der sogenannte "Arabische Frühling“. Doch seit dem Sturz von Diktator Muammar al-Gaddafi Anfang 2011 platzten die Träume der libyschen Bürger wie Seifenblasen. Seither ringen dort zahlreiche Gruppierungen um die Macht. Traurigster Höhepunkt bislang: der Ausbruch des Bürgerkriegs im Mai 2014. Statt vereint gegen den "Islamischen Staat“ zu kämpfen, bekriegen sich die verfeindeten Gruppierungen zusätzlich untereinander. Auch wenn zumindest die Hafenstadt Bengasi wieder von islamistischen Milizen zurückerobert wurde und in der Hand der international anerkannten Regierung ist, müssen die wenigen Libyer, die noch nicht geflüchtet sind, auf eine friedliche und gewaltfreie Zukunft warten – und weiterhoffen.

Zwischen Alltag und Ausnahmezustand

Zerplatzte Glasscheiben, zerbrochene Tische und Stühle – die Schule von Bengasi befindet sich mitten in einem ehemaligen Kriegsgebiet. Nur ein paar hundert Meter weiter verläuft die Front – hier Schulweg, dort Krieg. Es ist ein schmaler Grat zwischen Leben und Tod. Betreten können die Schüler das Gebäude nur über den Hintereingang, alles andere ist viel zu gefährlich. Denn schon mehrmals war die Schule Ziel der Angriffe. Dann konnte kein Unterricht stattfinden, die Schule war sogar anderthalb Jahre lang geschlossen. Statt in die Schule zu gehen, mussten sich die Kinder vor Bombenangriffen verstecken.

a libyan girl participates in an art class, part of a program that includes drawing, singing and playing for a few hours a day, at one of the local public schools in benghazi, libya tuesday, april 26, 2011. mohammed al-ghaziri, a 38-year-old businessman and father of two who helped launch the program. since there is no plan to reopen the schools until gadhafi relinquishes power, al-ghaziri and other residents of benghazi's al-leithi neighborhood decided to set up a program at one of the local public schools
Seit Kurzem können die Kinder wieder die Schule in Bengasi besuchen. Quelle: ap

Erst seit Kurzem ist die Schule wieder geöffnet, auf Wunsch der Eltern. Diese wollen, dass ihre Kinder etwas lernen. Wenigstens ein bisschen Alltag erleben, trotz des schon seit Jahren andauernden Ausnahmezustandes. Doch Lernen unter normalen Umständen ist gar nicht möglich, denn "die verängstigten Kinder tragen alle einen seelischen Schaden davon. Sie leben an einem Ort, der bombardiert wird, sie leiden schon jetzt darunter“, so Schulleiterin Fauzia Mukhtar Abeid. Immer wieder müssen die fast 400 Kinder laute Explosionen mitanhören. Auch wenn Schulleiterin Abeid versucht, eine sorgenfreie Atmosphäre zu schaffen und den Kindern etwas beizubringen, bleibt die Angst vor neuen Angriffen ständiger Begleiter: "Verirrte Raketen, Heckenschützen – ich fürchtete, dass manche versuchen werden, Lernen in Bengasi zu sabotieren.“

Bengasi: Sinnbild für Libyens gescheiterten Neuanfang

In Bengasi, der Hafenstadt im Nordosten Libyens, lebten rund 700 000 Menschen, heute sind viele davon auf der Flucht. Die traurige Bilanz bis jetzt: Schätzungen der Nato zufolge forderte der Bürgerkrieg in Libyen jetzt schon zwischen 10 000 und 50 000 Toten.

Erst Zentrum des Arabischen Frühlings, dann Zankapfel zwischen islamistischen und moderaten Milizen und den Streitkräften Libyens: Bengasi steht sinnbildlich für den verfehlten Neuanfang. Ende Februar erreichten die Kämpfe einen neuen Höhepunkt mit dem Sieg der offiziellen libyschen Armee. Doch die Freude währte nur kurz: Schon Tage später werden am Stadtrand wieder Waffen geladen. Faraj Quaim, Kommandeur der libyschen Armee warnt: "Wenn wir Libyen nicht stabilisieren, gibt es auch für unsere Nachbarn keine Stabilität.“


Einheitsregierung soll Gewalt ein Ende setzen
Seit Monaten gelingt es den Libyern auch unter Vermittlung der Vereinten Nationen nicht, eine Regierung der nationalen Einheit zu bilden. Bislang schlugen alle Abstimmungen über diese Einheitsregierung fehl. Doch das wäre ein erster wichtiger Schritt raus aus der Krise. Denn seit Ausbruch des Bürgerkriegs 2014 beanspruchen zwei Parlamente und zwei Regierungen die Macht: In der Hauptstadt Tripolis haben Islamisten die Macht ergriffen, sie unterstützen die Rebellen in Bengasi. Eine "Gegenregierung“ und ein "Gegenparlament“ mussten angesichts der Gefechte nach Tobruk fliehen. Dieses Parlament ist international anerkannt, kann aber nicht regieren, weil das Land zerrissen ist. In Libyen geht es um die postrevolutionäre Machtverteilung: Es geht um Macht, Geld und Öl.

a man stands in his house destroyed after clashes between military forces loyal to libya's eastern government, who are backed by the locals, and the shura council of libyan revolutionaries, an alliance of former anti-gaddafi rebels, who have joined forces with the islamist group ansar al-sharia in benghazi, libya march 19, 2016. reuters/esam omran al-fetori
Tausende Menschen sind auf der Flucht vor den Kämpfen. Quelle: reuters

Nutznießer des Chaos in Libyen ist vor allem die sunnitische Terrormiliz "Islamischer Staat“: Dieser nutzt die Lage aus, um sein Einflussgebiet im nordafrikanischen Land auszubreiten. Denn auch, wenn den international anerkannten Streitkräften mit der Zurückeroberung Bengasis ein wichtiger Schlag gegen den IS gelungen ist, ist der Krieg noch lange nicht zu Ende – und solange bleibt der Bevölkerung nur die Hoffnung auf einen neuen Neuanfang.

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