Europa, Klima, Kismet?

1994 zog Cem Özdemir als erster Abgeordneter mit türkischer Herkunft in den deutschen Bundestag ein. Seine Motivation, die Politik zum Beruf zu machen, war damals die Wut über die Anschläge auf türkische Familien in Mölln und Solingen. Gleichzeitig aber betont er: "Ich bin kein Migrant und will keine Extrawurst. Erst die Politik hat mich reethnisiert." Beide Eltern stammen aus der Türkei, lernten sich aber in Deutschland kennen.

Bereits 1981 trat er der damals frisch gegründeten Partei der Grünen bei. In seiner Geburts- und Heimatstadt Bad Urach im schwäbischen Ländle gründete er einen grünen Ortsverband, von 1989 bis 1994 war er Mitglied im baden-württembergischen Landesvorstand. 1994 folgte dann unter großem publizistischen Interesse der Einzug in den deutschen Bundestag. Zunächst lag ihm daran zu zeigen, dass "ein deutscher Türke im Parlament kein bärtiges Ungeheuer mit einem Krummdolch am Gürtel" sei, das die "Männer zwangsbeschneidet und den Frauen Kopftücher umbindet".

Ein "anatolischer Schwabe" im Bundestag

Sein berufliches Wirken in der deutschen Politik verstand er vor allem als Botschafter zwischen der Türkei und Deutschland und dessen grundverschiedenen Kulturen. Er machte sich stark für eine glaubwürdige Perspektive für die Mitgliedschaft der Türkei in der Europäischen Union, um dort die demokratischen Kräfte zu stärken. Er trat ein für ein verkürztes und vereinfachtes Einbürgerungsverfahren. 1997 veröffentlichte er seinen Werdegang unter dem treffenden Titel: "Ich bin Inländer. Ein anatolischer Schwabe im Bundestag". Doch seine Patchwork-Identität brachte auch Probleme mit sich: 1998 startete die türkische Zeitung "Hürriyet" eine Hetzkampagne gegen Özdemir, in der man ihn als vermeintlichen Landesverräter diffamierte.

Innerhalb der Partei und auch außerparteilich wird er sehr geschätzt - von verschiedenen Seiten wird ihm sogar ein Ministeramt zugetraut. Dann jedoch, im Sommer 2002 wird ihm ein Steuerrückzahlungskredit in Höhe von 80.000 DM bei dem windigen PR-Berater Moritz Hunziger zur politischen Stolperfalle - im Zusammenhang mit privat verflogenen Bonus-Meilen erklärt der damalige innenpolitische Sprecher der grünen Bundestagsfraktion seinen Rücktritt. Er erhält ein Stipendium und verbringt einen Forschungsaufenthalt in den USA, bevor er im Juni 2004 in die Politik zurückkehrt und zum außenpolitischen Sprecher der Grünen-Fraktion im Europäischen Parlament gewählt wird.

Zurück ins Rampenlicht

Obwohl ein erneuter Einzug in den Bundestag an Kampfabstimmungen gegen linke Kandidaten innerhalb der eigenen Partei im Oktober 2008 scheiterte, folgt einen Monat später die Wahl zum Bundesvorsitzenden als grüne Doppelspitze mit Claudia Roth. Fest sitzt er im Sattel - mit einem klaren Vertrauensvorschuss wird er auf dem Erfurter Parteitag mit 79,2 % der Delegiertenstimmen gewählt. An dieser Doppelspitze steht Cem Özdemir heute für die Inhalte des "Grünen Gesellschaftsvertrags" ein. Es geht um große grüne Themen: Bildung, Klima, Chancengerechtigkeit. Trotz einiger Hürden, die der Sohn eines Fabrikarbeiters und einer Änderungsschneiderin überwinden musste - die Mischung stimmt.

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