Unter den Leuten sein

Auch als Nicht-Bundespräsident will sich Joachim Gauck den Themen der Zeit widmen

Er war der "Präsident der Herzen" und hat Menschen hierzulande begeistert wie kaum ein anderer - Joachim Gauck. Der ehemalige Bürgerrechtler, Pastor und Wächter über die Stasi-Akten unterlag bei der Bundespräsidentenwahl am 30. Juni zwar, doch bei aktuellen Debatten verschafft er sich Gehör.

499 Stimmen erhielt Joachim Gauck im ersten Wahlgang der Bundespräsidentenwahl am 30. Juni 2010 und damit 37 mehr, als Rot-Grün in der Bundesversammlung besaß. Immerhin 490 Stimmen im zweiten Wahlgang und 494 im dritten. Ein Achtungserfolg und doch am Ende die erwartete Niederlage gegen den schwarz-gelben Kandidaten Christian Wulff.

Gauck war zur Hoffnung derer geworden, die von klassischer Parteipolitik enttäuscht sind. Und ihre maßlose Enttäuschung über Parteipolitik hatte sich in maßlose Hoffnung auf Gauck verwandelt. Doch obwohl er am Ende nicht Staatsoberhaupt wurde, haftete ihm nicht das Image des Verlierers an. Er steht seitdem nicht mehr so oft im Fokus der Öffentlichkeit. Doch bei kontroversen Themen, die die Menschen bewegen, meldet er sich weiterhin zu Wort.

Bürgerbeteiligung und Stuttgart 21

Den Parteien laufen die Mitglieder davon und immer weniger Menschen gehen zur Wahl. Das Wort "Politikverdrossenheit" macht seit langem die Runde. Für Gauck gibt es Parallelen zwischen dem Glück in einer Partnerschaft und der Freiheit des Bürgers. Ein Plädoyer für mehr Engagement. "Zu unserem Glück gehört es, einen Partner zu haben. Wir wollen lieben", sagte er der Frankfurter Allgemeine Zeitung. "Wenn das gelingt, wird es uns plötzlich wichtig, dass wir für den Partner etwas tun können. Wir erleben uns als auf ein Gegenüber bezogen. So ist das auch, wenn man ein Bürger sein will. Dieses 'in Beziehung setzen' macht glücklich. Wir alle begreifen das Glück der Freiheit stärker, wenn wir uns beteiligen."


Doch Beteiligung verlange auch Verantwortung. Beim Thema Stuttgart 21 etwa sieht er eindeutige Versäumnisse auf Seiten der Politik. Doch er stellt sich deshalb nicht unkritisch auf die Seite der Protestierenden. "Die Regierenden fürchten sich immer bei schwierigen Entscheidungen, dem Volk die Wahrheit zu sagen", sagte Gauck zum Westfalen-Blatt. Doch auch die Bürger mahnt er zu einem verantwortungsvolleren Umgang. "Wir tun so, als seien die Politiker eine andere Rasse, mit der wir nichts zu tun haben wollen. Das ist ein Krisensymptom." Bei Stuttgart 21 gehe es nicht um Freiheit oder Unfreiheit, nicht um Demokratie oder Diktatur. Es handele sich um eine Kommunikationsproblem "zwischen denen, die regieren, und denen, die regiert werden", so Gauck und betonte: "Die Regierenden sind aber die, die wir gewählt haben".

Integration und Solidarität

Anlässlich des 20. Jahrestages der Deutschen Einheit sprach Gauck am 2. Oktober über Integration als Herausforderung und fand deutliche Worte. "Wenn sich eingewanderte Familien noch jahrelang der Landessprache verweigern, dann werden alle Integrationsbemühungen scheitern. Hier darf und muss der Staat Forderungen stellen. Der Staat, den sich die Demokatiebewegungen Europas geschaffen haben, darf sich nicht selbst zur Disposition stellen, indem er die eigenen Normen nicht ernst nimmt."

Gauck: Forderungen an Schwache stellenAuch beim Thema Solidarität mit Schwachen überraschte er viele, als er Hilfe zur Selbsthilfe und Eigenverantwortung mahnte. "Wir müssen nicht fürchten, auch in den Problemzonen der Abgehängten Forderungen zu stellen. Denn es schwächt die Schwachen, wenn wir nichts mehr von ihnen erwarten. Auch tun wir generell Menschen nichts Gutes, wenn wir die in ihnen liegenden Potenzen nicht abrufen."

"Nicht abseits von den Themen der Zeit"

Freiheit, Demokratie und der Umgang mit der DDR-Vergangenheit - das sind Themen, die ihn weiterhin umtreiben. Als Buchautor, Redner, Großvater und Ur-Großvater hat er allerhand zu tun. Er wolle nicht in die gestaltende Politik, erklärte er gegenüber dem Focus. Gäbe es aber einen Ort, "an dem sich ein parteiloser Mann meines Alters mit einiger Aussicht auf Wirkungsmöglichkeit einbringen könnte, will ich nichts ausschließen." Auch wenn er diesen Ort derzeit nicht sehe, "gehen Sie davon aus, dass ich 'unter den Leuten' sein werde und nicht abseits von den Themen der Zeit".

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet