Von "Siggi Pop" zum Ober-Genossen

Wie Sigmar Gabriel zum starken Mann der SPD wurde

Ministerpräsident, Oppositionsführer, Bundesminister - all das war er schon. Seit neun Monaten führt Sigmar Gabriel nun die SPD an. Von ihrer einstigen Stärke ist sie noch weit entfernt, aber derzeit scheint es für die Genossen angesichts einer schwachen Union wieder aufwärts zu gehen.

Sigmar Gabriel
Sigmar Gabriel Quelle: reuters

In bescheidenen Familienverhältnissen im niedersächsischen Goslar geboren, trat Gabriel 1977 in die SPD ein. 1990 gelang dem damals 31-jährigen Lehrer mit einem Direktmandat der Einzug in den Landtag. Mit wenigen Unterbrechungen ging es seitdem auf der politischen Leiter für ihn steil nach oben.

Schröders Ziehsohn

Ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder
Ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder Quelle: ap

Sein rhethorisches Talent blieb dem damals mächtigsten Mann Niedersachsens nicht verborgen - Ministerpräsident Gerhard Schröder. Mit dessen Rückdeckung übernahm Gabriel im März 1998 den Vorsitz der Landtagsfraktion. Nachdem die SPD die Bundestagswahlen imselben Jahr gewann und Schröder Kanzler wurde, folgte ihm dessen Innenminister Gerhard Glosgowski ins Amt. Bereits nach einem guten Jahr musste der jedoch wegen des Vorwurfs der privaten Vorteilsnahme von seinem Amt zurücktreten. Am 15. Dezember 1999 wurde Gabriel vom Landtag zum neuen Ministerpräsidenten gewählt.

Als jüngster Regierungschef eines Bundeslandes trat er - in Anlehnung an Willy Brandts Forderung, mehr Demokratie zu wagen - mit dem Anspruch an: "Mehr Politik wagen". 2002 veröffentlichte er ein Buch unter dem gleichen Titel. Bei seiner ersten Landtagswahl 2003 verlor Rot-Grün jedoch die Mehrheit und Gabriel wurde Oppositionsführer. Mit dieser neuen Rolle kam er nur schwer zurecht. Um die SPD bei der Jugend wieder attraktiver zu machen, wurde er 2003 zum "Pop-Beauftragten" der Partei ernannt - "Siggi Pop" spottete nicht nur der "Spiegel" damals.

"Nicht in der Provinz versauern"

Nach dem desaströsen SPD-Ergebnis bei der NRW-Landtagswahl im Mai 2005 veranlasste Schröder vorgezogene Bundestagswahlen und Gabriel gab seinen Abschied aus der Landespolitik bekannt. Sein nächstes Projekt lautete: Bundestagsmandat. Nicht nur zog er vier Monate später mit einem Direktmandat ins Parlament ein, sondern Parteichef Franz Müntefering setzte ihn zudem unerwartet in Angela Merkels Kabinett als Bundesumweltminister durch.

Der SPD sei es damals vor allem darum gegangen, eines ihrer wichtigsten Nachwuchstalente "nicht in der Provinz versauern zu lassen", schrieb die Süddeutsche Zeitung" damals. Zum Erstaunen vieler machte der bis dahin in Umweltfragen wenig aufgefallene Gabriel schnell mit Vorstößen von sich Reden, als er 2007 etwa einen Acht-Punkte-Plan vorlegte mit dem Ziel, die CO2-Abgase bis 2020 gegenüber 1990 um 40 Prozent zu senken. Seine vielleicht größte Niederlage musste er im Februar 2009 einräumen, als das geplante bundeseinheitliche Umweltgesetzbuch nach 20-jähriger Arbeit am Widerstand der Union scheiterte.

"Mehr Nervenenden in die Gesellschaft"

Ein halbes Jahr später fuhr die SPD bei der Bundestagswahl mit 23 Prozent das schlechteste Ergebnis der Nachkriegsgeschichte ein. Für viele parteiinterne Kritiker war nun die Zeit gekommen, mit dem Agenda-Kurs und den letzten "Schröderianern" Steinbrück, Steinmeier und Müntefering zu brechen. Auf einem Bundesparteitag im November 2009 wählte die SPD eine neue Doppelspitze: Generalsekretärin wurde Andrea Nahles, Parteivorsitzender Sigmar Gabriel - als sechster Parteivorsitzender in nur vier Jahren.


Als Zeichen der Abkehr einer von vielen kritisierten "Basta"-Politik von oben, absolvierte die neue Führung eine Vorstellungsreise durch die Landesverbände. "Wir brauchen wieder mehr Nervenenden in die Gesellschaft hinein", sagte der frisch gekürte Parteichef damals im ZDF. Die "Öffnung der Partei" sei nun die wichtigste Aufgabe.

Nur ein Prozent hinter der Union

Die seit Monaten demonstrierte Zerstrittenheit der schwarz-gelben Regierung spielt nun offenbar der SPD in die Hände. Zwar ist sie von ihren einstigen Bestmarken noch weit entfernt, aber im ZDF-Politbarometer vom 16. Juli kommt sie immerhin auf 32 Prozent und liegt damit nur noch einen Prozentpunkt hinter der Union. Doch allein die Schwäche von CDU und CSU wird wohl nicht langen. Stattdessen muss sich die SPD unter Gabriel aus eigener Kraft erneuern und neu ausrichten. Wir künftig umgehen mit Linkspartei und Agenda-Politik? Das sind noch immer ungeklärte Fragen. Vor dem Parteichef liegt also noch eine Menge Arbeit.

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