Lebensgefährliche Mission

Bundeswehreinsatz in Mali

Exklusiv

Politik | dunja hayali - Lebensgefährliche Mission

Der UN-Einsatz Minusma in Mali gilt als einer der gefährlichsten Einsätze der Vereinten Nationen. Knapp 50 Staaten sind daran beteiligt. Die Bundeswehr engagiert sich seit 2013. Derzeit sind knapp 900 Bundeswehrsoldaten im Nordosten Malis stationiert.

Beitragslänge:
5 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 02.08.2018, 22:00

Die Nachricht hat mich tief getroffen. Kurz vor meiner Sendung am letzten Mittwoch geht sie über die Ticker der News-Agenturen: In Mali ist ein Bundeswehrhubschrauber abgestürzt, zwei deutsche Soldaten, so wird später bestätigt, sind ums Leben gekommen. Es fällt mir schwer, diesen Text zu schreiben. Ich frage mich: Habe ich sie kennengelernt, als ich Mitte Juni mit meinem Team im Bundeswehrcamp Castor war, dort wo knapp 900 Soldatinnen und Soldaten weit weg von der Heimat stationiert sind? Das lässt einen noch mal mehr innehalten, noch mal mehr hinterfragen.  

Die Bundeswehr soll im Rahmen der Blauhelmmission Minusma im Norden Malis den Islamismus eindämmen, das Land stabilisieren und den brüchigen Frieden im Land sichern. Es ist eine lebensgefährliche Mission.

Das Camp Castor nahe der Stadt Gao – ca. 4200 Kilometer entfernt von Berlin. In einem Bereich des Camps machen Soldaten Sport. Bei über 40° Celsius. Keinen Sport zu machen ist trotz der Hitze keine Option: Die Soldaten müssen körperlich topfit sein. Zudem ist es eine der wenigen Ablenkungen bzw. Freizeitbeschäftigungen im Camp.

Ein Militärhubschrauber fliegt über das Camp, als ich mich mit Arne treffe. Seinen Nachnamen darf ich nicht nennen – so wollen es die Sicherheitsvorschriften. Arne ist Oberstabsfeldwebel und seit 31 Jahren Soldat.

Er nimmt mich mit auf eine Patrouille außerhalb des Camps: „Wir gehen zum Viehmarkt nach Warabia. Das ist ein riesengroßer Markt, der größte, den es hier überhaupt gibt“, sagt Arne. Und spricht hier nicht von einem Ausflug: ich brauche militärische Schutzkleidung. Denn draußen lauert die Gefahr. Ein Viehmarkt – das hört sich nach Alltag an. Doch es ist ein lebensgefährlicher Alltag. Für die Menschen, die im Norden Malis leben und für die Soldaten, die ich begleite. Nur einen Kilometer vom Camp entfernt wurden erst im Januar bei einem Anschlag rund 60 Menschen getötet. In Nord-Mali ist die Sicherheitslage extrem unübersichtlich. Islamisten sind auf dem Vormarsch. Al Qaida und andere Milizen kämpfen gegen die Zentralregierung.

Die Bundeswehr darf nicht kämpfen. Das Mandat des Deutschen Bundestages ist eindeutig: Die Bundeswehr betreibt Aufklärung, stellt die gewonnenen Erkenntnisse den militärischen Partnern aus über 50 Nationen zur Verfügung. Den Alltag beobachten, Vertrauen schaffen, Informationen gewinnen: Arne fragt eine Frau, ob ihr in letzter Zeit etwas aufgefallen ist: Gab es besondere Vorfälle, sind etwa verdächtige Personen oder bewaffnete Gruppierungen aufgetaucht? Nein, sagt die Frau. Schnell merke ich: die Bevölkerung hier ist froh, dass die Bundeswehr Präsenz zeigt. Die Frau erzählt, dass das Leben in Gao besser geworden sei, seitdem die fremden Soldaten hier sind. Besonders die deutschen Soldaten. Sie begegnen den Menschen hier mit Respekt, erzählt mir die Frau. Früher habe sie sich nicht mehr aus dem Haus getraut.

In Mali werden die deutschen Soldatinnen und Soldaten also geschätzt – zuhause aber gibt’s zu wenig Unterstützung. Aus der Politik. Aus der Bevölkerung. Diesen Eindruck gewinne ich, wenn ich mich mit den Soldaten unterhalte. Arne sagt: „Wenn wir bei einer Hochwasserkatastrophe helfen, dann ist die Bundeswehr immer wieder ein bisschen gut, aber wenn so was kommt, verschließen alle anderen die Augen.“ Mit „sowas“ meint er einen lebensgefährlichen Einsatz.

Wie gefährlich  merke ich, als ich mit einem Bundeswehrhelikopter zu einer Übung fliege. Mit mehr als 35 Kilo Ausrüstung am Körper müssen Sanitäter im Notfall Verletzte bergen. 35 Kilo Gewicht. 40 Grad Celsius. Dazu der Sand, der sich wie ein Film über die Augen legt. Mich macht das fertig. Ich falle buchstäblich um - wer ist es schon gewohnt, soviel Ausrüstung unter derart extremen Konditionen zu schleppen? Die Hubschrauberpiloten setzen uns mitten in der Wüste ab. Die Übung ist hart. Alle arbeiten an einem Strang, alle geben alles. Keine Zeit zum Nachdenken. Keiner von uns ahnt, dass nur wenige Tage nach dieser Übung ein Hubschrauber abstürzen wird, dass zwei Soldaten sterben werden. Inzwischen weiß ich: einen von ihnen habe ich kennengelernt. Noch wissen wir zu wenig über die Ursachen des Absturzes. Vieles deutet auf einen technischen Defekt hin. Die Untersuchungen laufen noch.

Nach der Übung komme ich verstaubt und fertig im Camp an. Bevor ich mich wieder mit Arne treffe, gönne ich mir eine Dusche. Genau zwei Minuten habe ich dafür – das Wasser ist rationiert. Nicht nur für mich, für alle Soldatinnen und Soldaten. Genau wie der Diesel, der die Stromgeneratoren am Laufen halten soll. Soll. Denn die Generatoren sind aus. Kein Diesel, keine Generatoren, Keine Klimaanlage in den Stuben der Soldaten. Es ist heiß und stickig in Arnes Stube. Er zeigt mir Fotos seiner Familie. „Was sagen deine Kinder denn dazu, dass der Papa weg ist?“ will ich wissen. „Die finden das nicht gut. Die haben Angst, dass ich vielleicht nicht zurückkomme.“

Beitrag aus der Sendung "dunja hayali" vom Mittwoch, den 2. August 2017, im ZDF.

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