Schule des Verbrechens

Müssen wir unsere Gefängnisse abschaffen?

Politik | dunja hayali - Schule des Verbrechens

Sind Gefängnisse noch zeitgemäß? Kann Resozialisierung hinter hohen Mauern überhaupt funktionieren? Der frühere Chef eines Gefängnisses sagt: Gefängnisse, wie wir sie heute haben, bringen nichts und gehören abgeschafft. Was meint er damit?

Beitragslänge:
6 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 05.07.2018, 23:15

Es ist ein einziger Albtraum. Die enge Zelle, der abgestandene Geruch, die Beschreibung der Taten, die ich mir anhören muss. Der Mann, dem ich gegenüber sitze, hat seinen Neffen sexuell missbraucht. Immer wieder, bis er festgenommen und schließlich zu sechs Jahren Haft verurteilt wurde. Er spricht sehr offen darüber. Unerträgliche Einzelheiten. Ich zwinge mich, ihm zuzuhören, kämpfe gegen meine Fluchtreflexe. Dazu kommt meine klaustrophobische Veranlagung. Ich sitze auf der Kloschüssel, weil das der einzige Ort ist, wo ich Platz finde. Eingesperrt auf sieben Quadratmetern, ich kann es kaum ertragen. Und ich frage mich: Wie mag sich das anfühlen, wenn man Jahre oder sogar Jahrzehnte lang in solch einer Zelle sitzt?

Könnte ich verzeihen, was dieser Mann getan hat?

Es ist das schwerste Interview meines Lebens. Der kräftige Mann vor mir ist einer von 106 Sexualstraftätern, die in der Justizvollzugsanstalt Waldheim inhaftiert sind. Ich habe ihm zur Begrüßung die Hand gereicht. Obwohl ich es so abstoßend finde, was er getan hat. Sein Neffe war zehn Jahre alt, als er ihn missbrauchte. Ich denke an meine Nichten. Wenn denen etwas Ähnliches passierte, ich könnte es nicht ertragen. Und vor allem könnte ich es nicht verzeihen. Niemals. Oder vielleicht doch?

Exklusiv

Politik | dunja hayali - Dunja Hayali im Interview mit einem Strafgefangenen

Er hat nicht nur das Leben ruiniert, sondern auch sein eigenes. Das sagt der Strafgefangene im Gespräch mit Dunja Hayali. Er hat seinen Neffen sexuell missbraucht, immer wieder, bis er festgenommen und zu sechs Jahren Haft verurteilt wurde.

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Ich denke über die Fragen nach, die mich hierher geführt haben: Sind Gefängnisse noch zeitgemäß? Kann Resozialisierung hinter hohen Mauern überhaupt funktionieren? Wir sind hierher nach Sachsen gekommen, um eine provokante These zu überprüfen: Gefängnisse sollten abgeschafft werden! Das sagt einer, der genau weiß, wovon er spricht. Denn Thomas Galli war jahrelang selbst Leiter einer Justizvollzugsanstalt. Sein Fazit: Der Knast ist für die meisten Straftäter nichts anderes als eine Schule des Verbrechens. Deshalb fordert er, 90 Prozent aller Strafgefangenen sofort freizulassen und stattdessen über Sozialarbeit in die Gesellschaft zu integrieren.

Eingesperrt – mehr als ein mulmiges Gefühl

Ich wollte es selbst erleben, wie das Leben hinter Gefängnismauern aussieht. Ich bin durch eine Schleuse und unzählige Türen hindurchgegangen. Ich wurde abgetastet und, wie am Flughafen, mit einer Metallsonde abgescannt. Dann drehte sich mit einem lauten Klacken der letzte Schlüssel, und ich war plötzlich drin. Zum ersten Mal überhaupt in einem Gefängnis. Ich muss zugeben, ich war aufgeregt. Umgeben von Mördern, Räubern und Vergewaltigern. Nervös habe ich mich umgesehen –das mulmige Gefühl blieb.

Jetzt, in dieser winzigen Zelle, wirkt mein Interviewpartner kein bisschen gefährlich, eher traurig und nachdenklich. Er hat sich bereit erklärt, mir sein Innenleben zu offenbaren. Ein gutes Zeichen, hoffentlich. Seit vier Jahren sitzt er im Gefängnis, seit drei Jahren nimmt er an therapeutischen Sitzungen teil. Später werde ich den Psychologen treffen, werde von ihm Lavendelsäckchen gezeigt bekommen, selbst gebastelt von den Häftlingen, als Mitbringsel für Familie und Freunde. Und ich werde mich immer wieder fragen: Was um Himmels Willen soll das bei Mördern oder Vergewaltigern bewirken? Der Psychologe sagt: die therapeutische Arbeit mit den Gefangenen kann das Rückfallrisiko nach ihrer Freilassung um bis zu ein Drittel senken.

Die Zukunft? Auf Hoffnung gebaut

Doch jetzt sitze ich immer noch beklommen auf der Knasttoilette und schaue dem untersetzten Mann prüfend ins Gesicht. Wird er es schaffen, nach seiner Entlassung nicht mehr rückfällig zu werden? „Ich hoffe es“, sagt er. Und ich denke: Wie schön wäre es, wenn er sich sicher wäre. Er will Vorkehrungen treffen: Keine Wohnung beziehen in der Nähe eines Spielplatzes. Und auch seinen Verwandten, die weiter den Kontakt mit ihm pflegen, hat er jetzt schon eingetrichtert: Lasst mich nie mit meinen Enkeln alleine, selbst wenn ich darum betteln sollte. Ich wünsche ihm, dass er es schafft. Zum Abschied sagt er Sätze, die mich noch lange begleiten werden: „Jeder Mensch hat eine zweite Chance verdient, auch ich. Aber wenn ich das nochmal mache, möchte ich für den Rest meines Lebens weggesperrt werden. Und den Schlüssel am besten gleich wegschmeißen.“

Die ganze Sendung "dunja hayali - das Talkmagazin" sehen Sie am 5. Juli 2017 ab 22.15 Uhr live aus Berlin im ZDF.

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