Kinderkliniken kaputtgespart

Politik | Frontal 21 - Kinderkliniken kaputtgespart

Immer mehr Fachabteilungen und Krankenhäuser für Kinder- und Jugendmedizin stehen vor dem Aus. Das System der Fallpauschalen sei zu wenig auf Kinder und Jugendliche ausgerichtet, warnen Experten.

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6 min
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Video verfügbar bis 31.05.2017, 19:54

Ärzte schlagen Alarm und Eltern geraten in Not: Denn immer mehr Fachabteilungen und Krankenhäuser für Kinder- und Jugendmedizin stehen vor dem Aus. Schuld daran sei das System der Fallpauschalen, sagen Experten, dass zu wenig auf Kinder und Jugendliche ausgerichtet sei.

Nach Angaben der Gesellschaft der Kinderkrankenhäuser und Kinderabteilungen in Deutschland e.V. (GKinD) und der Deutschen Gesellschaft für Kinder und Jugendmedizin e.V.( DGKJ) wurde seit 1991 fast jede fünfte Kinderabteilung geschlossen. Gab es 1991 noch 440 Abteilungen für Kinderheilkunde mit 31.708 Betten waren es bis 2013 nur noch 364 Abteilungen mit 19.199 Betten.

Kritik am System der Fallpauschalen

"Die Situation für Kinder und Jugendliche in Deutschland ist sehr dringlich", warnt Jochen Scheel, Geschäftsführer der GKinD. Für die Eltern müsse bei einem Notfall die nächste Versorgungsmöglichkeit möglichst nah sein. Das sei in vielen Regionen heute schon nicht mehr einzuhalten, schon jetzt gebe es weiße Flecken. Das bedeute für die Bevölkerung dort, dass sie sehr weite Fahrtstrecken in Kauf nehmen müsse. "Das ist natürlich ein großes Risiko, wenn irgend eine lebensbedrohliches Erkrankung vorliegt, kann das ein Riesenproblem werden", so Scheel.

Das System der Fallpauschalen sei zu wenig auf Kinder und Jugendliche ausgerichtet, so die Experten. Der Versorgungsaufwand von Kinderkliniken und -fachabteilungen sei in diesen Pauschalen nicht abgebildet. Ein höherer Pflegeaufwand, längere Gesprächszeiten mit Angehörigen, ein höherer Zeitaufwand bei Untersuchungen und die psychosoziale Betreuung, unter anderem bei chronisch Kranken, sind einige der genannten Faktoren. Viele Fallpauschalen orientierten sich an den Kosten in der Erwachsenenmedizin.

Orientierung an der Wirtschaftlichkeit

Außerdem seien sie so angelegt, dass sie erst bei hohen Fallzahlen funktionierten und nicht, wenn es nur wenige Patienten gebe. Zu diesem Ergebnis kommen der Deutsche Ethikrat in seiner jüngsten Stellungnahme sowie Fachgesellschaften.

"Das ist die alleinige Orientierung an der Wirtschaftlichkeit", erklärt Michael Wunder , ehemals Mitglied des Deutschen Ethikrats, gegenüber Frontal21. "Die hat eine solche Priorität erlangt, dass ein Krankenhausdirektor nur noch fragt: Rechnet sich das?" Und das sei nicht nur für die Kinderstationen, aber dort ganz besonders prekär. Denn mittlerweile gebe es keine Kinder und Jugendmedizin mehr, die sich aus sich selbst heraus finanzieren könne, sondern quer subventioniert werden müsse. "Das kann kein Zustand sein in einer Gesellschaft, die wir doch alle gern als kinderlieb bezeichnen und in der Kinder willkommen sein sollen", meint Wunder.

Kinderspezifische Fallpauschalen

Deshalb empfiehlt der Deutsche Ethikrat das Vergütungssystem von der Erwachsenenmedizin zu entkoppeln und ein eigenes , kinderspezifisches Fallpauschalen-System zu etablieren. So sollte alternativ geprüft werden, ganz andere Abrechnungsmodi für die stationäre Kinder- und Jugendmedizin einzuführen. Sonst sei die Versorgung der Kleinsten nicht mehr sicher, weil die aufwendige Diagnostik, Fürsorge und Zeit nicht ausreichend bezahlt werden, so die Experten. "Die Quersubventionierung durch die Erwachsenenmedizin ist ja auch nicht im Sinne des Gesamtsystems und auch nicht im Sinne der Versicherten", so Wunder. "Wir brauchen hier auch dringend eine kurzfristige Veränderung."

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