Milchkrise: Die Bauernopfer der Politik

Politik | Frontal 21 - Milchkrise: Die Bauernopfer der Politik

Es gibt Milch im Überfluss und die Milchpreise sind im Keller. Immer mehr Landwirte geben auf. Die Angst vor dem großen Hofsterben geht um, der Ruf nach Staat und Geld vom Steuerzahler wird lauter.

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7 min
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Video verfügbar bis 07.06.2017, 20:19

Ein paar Kühe auf der Wiese und Bauernhofidylle – das verspricht ohnehin nur noch die Werbung. Die Realität sieht anders aus: Immer mehr Milchbauern geben auf und führen ihre Kühe zum Schlachthof. Denn es gibt Milch im Überfluss und die Milchpreise sind im Keller. Die Angst vor dem großen Hofsterben geht um. Und mit ihm wird der Ruf lauter nach Staat und Geld vom Steuerzahler.

Die deutschen Milchbauern baden in Milch - vor Verzweiflung. Mancherorts pumpen sie Gummischwimmbecken voll mit dem, was sie aus ihren Kühen gemolken haben. Und wie reagiert die Politik darauf? Sie lenkt ab und weckt falsche Hoffnungen.

Beim Milchgipfel vergangene Woche in Berlin versprach Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) den Bauern ein Hilfspaket von über 100 Millionen Euro als Existenzsicherungshilfe, Steuerentlastung und für Bürgschaftsprogramme. “Wenn jeder seinen Beitrag leistet, könnten wir damit ein sehr großes Paket für unsere Bauern schnüren“, ließ Schmidt auf dem Gipfel wissen. Wenige Tage zuvor machte der Minister den Verbraucher zum Retter der Milchbauern. Beim Einkauf trage jeder eine Mitverantwortung, hieß es. “Auch wir Verbraucher können etwas tun, wenn wir nicht immer zur billigsten Milch greifen.“ Doch weder Steuermillionen noch der Verbraucher werden die Milchbauern retten und wahrscheinlich wissen die das ganz genau.

Deutschland ist europaweit der größte Milchproduzent

Die deutschen Milchbauern melken für den Weltmarkt. So haben es Deutscher Bauernverband und Politik gewollt. Es gab Jahre, da haben die Bauern sehr gut daran verdient, doch nun erleben sie die Kehrseite des internationalen Wettbewerbs. Die Deutschen sind europaweit die größten Milchproduzenten: 2015 produzierten sie rund 32,5 Millionen Tonnen Milch - viel zu viel für Europa. 15 Prozent davon können nicht verarbeitet werden. Es herrscht Überfluss. Der Verbraucher kann das nicht ändern und mit den Millionen vom Staat für leidende Betriebe wird die Milchmenge auch nicht geringer.

Und Milch ist billig wie nie, auch weil Kühe immer mehr Milch geben. 4,3 Millionen Kühe werden hierzulande gemolken. Die Zahl blieb in den vergangenen zehn Jahren ungefähr gleich. Die Produktionsleistung aber steigt und steigt. 2005 gab eine Kuh im Jahr im Schnitt 6.761 Kilogramm Milch, 2015 waren es schon 7.620 Kilogramm. Es ist das Ergebnis einer erfolgreichen Zucht auf Hochleistung, für die der Verbraucher nichts kann und an der die Politik nichts ändern wird. Nur die Bauern selbst könnten hier umsteuern. Doch es dauert ein paar Jahre bis Zuchtverbände die Tiere nicht mehr so sehr auf Milchleistung selektieren, sondern auch auf Euter- und Klauengesundheit sowie ein längeres Leben.

Verbraucher hat auf Milchpreis kaum Einfluss

Außerdem schwanken die Milchpreise schon seit Jahren. 2007 gab es mit rund 42 Cent pro Kilogramm Milch im Schnitt einen guten Preis. Dann ging es bergab und bergauf und jetzt wieder bergab. Ob mit derzeit durchschnittlich 24 Cent pro Kilogramm die Talsohle erreicht ist, ist schwer zu sagen. Fest steht aber, dass wenige Großmolkereien und die mächtigen Einzelhändler mit den Bauern die Preise verhandeln. Für normale Frischmilch gilt: Ob günstige Handelsmarke oder teure Markenware, der Preisunterschied von manchmal 50 Cent im Supermarkt kommt beim Bauern nicht an. Der Verbraucher hat darauf kaum Einfluss. Selbst bei Bio-Milch ist das nicht viel anders. Der höhere Preis muss höhere Produktionskosten decken, zum Beispiel für anderes Futter. Der Bundeslandwirtschaftsminister sollte das wissen. Trotzdem versucht er seine politische Verantwortung auf die Verbraucher abzuschieben. Das Höfe-Sterben wird er so nicht beenden.

Eine Möglichkeit gäbe es: Die Agrar-Milliarden aus Brüssel anders verteilen. Statt das viele Geld fast ausschließlich pro Hektar, also bewirtschaftete Betriebsfläche, zu verteilen, könnte die finanzielle Unterstützung an Bedingungen geknüpft werden: Futter vom eigenen Acker und nicht aus Brasilien, Laufställe ohne Spaltenboden, statt Anbindehaltung in dunklen Ställen, Geld nur bis zu einer bestimmten Herdengröße statt für Landbesitzer und Großbetriebe. Das würde möglicherweise die Milchmenge reduzieren und heimische Milchbauern trotzdem stärken. Doch dazu bräuchte es politische Durchsetzungskraft und eine Mehrheit der Bauern. Doch die sind sich nicht einig und der Landwirtschaftsminister hat kein klares Konzept.

Große regionale Unterschiede

Ein paar Kühe auf der Wiese und Bauernhofidylle – das verspricht ohnehin nur noch die Werbung. Es ist eine trügerische Illusion. Immer mehr Milchbauer geben auf, aber nicht erst seit dieser Krise. Auch darauf hat der Verbraucher keinen Einfluss. In den vergangenen 15 Jahren hat sich die Anzahl der Milchbetriebe fast halbiert - von rund 140.000 auf rund 77.000. Und wer nicht aufgeben will, muss immer mehr Tiere melken - im Schnitt fast 60. Aber die regionalen Unterschiede sind enorm. Im Süden des Landes arbeiten viele Kleinstbetriebe. Die Milchkrise wird geschultert von Bauern, die 70 Stunden und mehr in der Woche mit ihren Familien ran müssen. Und im Norden und Osten dominieren große Genossenschaften oder Agrarunternehmen mit Herden von über 500 Tieren und manchmal weit mehr. Ihnen allen ist nicht geholfen mit falschen Versprechungen und Ablenkungsmanövern der Politik.

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