ERGO-Skandal: Kein Prozess, keine Aufarbeitung

Politik | Frontal 21 - ERGO-Skandal: Kein Prozess, keine Aufarbeitung

Der ERGO-Skandal um eine Sex-Reise auf Firmenkosten nach Budapest ist auch fünf Jahre nach der Enthüllung der Vorgänge nicht vollständig aufgeklärt.

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Video verfügbar bis 12.07.2017, 16:28

Der ERGO-Skandal um eine Sex-Reise auf Firmenkosten nach Budapest ist auch fünf Jahre nach der Enthüllung der Vorgänge nicht vollständig aufgeklärt. Nun kommt auch ein Prozess zur Aufarbeitung des Falls um die Lustreise von Vertretern der ERGO-Versicherung nicht zustande.

Eigentlich sollte an diesem Donnerstag der Prozess gegen einen ehemaligen Angestellten und einen Eventmanager wegen schwerer Untreue beginnen. Doch Gericht, Staatsanwaltschaft und Angeklagte einigten sich kurz vor Prozessbeginn auf die Einstellung des Verfahrens gegen Geldauflage. So wird es nicht zu einer öffentlichen Aufarbeitung noch strittiger Fragen kommen.

Wusste der Vorstand von der Reise nach Budapest?

Nach Recherchen von Frontal21 wusste der Vorstand entgegen anders lautender Beteuerungen über die Budapester Sex-Reise Bescheid. Der interne Revisionsbericht von 2011 hat die Vorgänge nur lückenhaft aufgearbeitet. Denn auch ein Jahr nach Budapest wurden auf Firmenkosten Prostituierte auf einer Reise bezahlt. Die Versicherungsvertreter des Konzerns vergnügten sich 2008 auf Ibiza.Sex auf Firmenkosten – damit geriet der ERGO-Versicherungskonzern 2011 in die Schlagzeilen. Grund dafür war eine Konzernreise für die erfolgreichsten Versicherungsvertreter nach Budapest im Jahre 2007. 20 Prostituierte und 50 Hostessen standen den Gästen zur Verfügung. Die ERGO versprach lückenlose Aufklärung. Doch der Versicherungskonzern beantwortet aktuelle Fragen von Frontal 21 nicht. Stattdessen verweist das Unternehmen auf den Revisionsbericht von 2011.

Zeugen berichten von weiterer Lustreise

Frontal21 liegen die Aussagen von hochrangigen ehemaligen Vertretern der ERGO vor. Sie haben mit dem Verkauf von Versicherungspolicen Millionen Euro verdient und hatten ständigen Kontakt zur Konzernspitze und bestätigen: Der Vorstand wusste von der Sex-Party in Budapest. Das belegt auch eine E-Mail, die Frontal 21 vorliegt. Danach gab es Streit zwischen zwei Vorständen um die Wiederholung der Budapest-Reise im Folgejahr. Der eine regte an, "die Veranstaltung in gewohnter Art und Weise und Diskretion zu organisieren." Der andere warnte: "... in der Form auf keinen Fall noch einmal durchführen."

Trotzdem fand ein Jahr später wieder eine Belohnungsreise für die erfolgreichsten Versicherungsvertreter des Unternehmens statt – diesmal nach Ibiza. Der konzerninterne Revisionsbericht kam 2011 zu dem Ergebnis: "Auskunftsgemäß waren keine Prostituierten anwesend.“ Dem widerspricht ein Teilnehmer der Reise. Gegenüber Frontal21 berichtet er, auch auf der Ibiza-Reise waren Prostituierte anwesend, bezahlt von der ERGO. Und auch der Veranstalter der Reise bestätigt, es seien drei bis vier Prostituierte gebucht worden.

Sex als "permanentes Motivationsmittel"

Mehrere ehemalige Vertreter der ERGO berichten, grundsätzlich seien die Dienste von Prostituierten immer wieder auf Firmenreisen genutzt worden. "Das Thema Sex war ein permanentes Motivationsmittel“, erzählt ein ehemaliger hochrangiger Vertreter. Und weiter: "Wenn ich jede Reise melden soll, bei der in irgendeiner Form Prostituierte dabei waren oder man zu Prostituierten gegangen ist oder deren Leistung in Anspruch genommen hat, dann musst Du jede Reise melden.“

Der Versicherungskonzern Ergo hat kürzlich einen Stellenabbau von 1.800 Mitarbeitern bis 2020 angekündigt. Verdi-Funktionär Frank Fassin sitzt für die Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat des Unternehmens. Er kritisiert, dass der Budapest-Skandal bis heute nachwirkt und alle Mitarbeiter darunter leiden müssen: "Die Affäre hat vor allem die ERGO, aber insgesamt die gesamte Versicherungswirtschaft geschädigt.“ Fassin bemängelt dabei auch die Aufarbeitung des Skandals durch den damaligen Vorstand. Der damalige Vorstandsvorsitzende habe nicht genügend Transparenz hergestellt. "Das war aus meiner Sicht ein großer Fehler", so Fassin.

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