PCB-Gefahr durch geflutete Bergwerke

Politik | Frontal 21 - PCB-Gefahr durch geflutete Bergwerke

Die Stollen in den Steinkohlebergwerken an Ruhr und Saar sind mit PCB verseucht. Polychlorierte Biphenyle sind hochgiftig und stehen im Verdacht, krebserregend zu sein.

Beitragslänge:
6 min
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Video verfügbar bis 05.07.2017, 19:28

In den Steinkohlebergwerken an Ruhr und Saar lagern unter Tage Tausende Tonnen PCB. Die Polychlorierten Biphenyle, kurz PCB, sind hochgiftig, stehen in Verdacht, krebserregend zu sein und haben sich bereits in der Atmosphäre, den Gewässern und im Boden ausgebreitet.

PCB zählen zu den zwölf als „dreckiges Dutzend“ bekannten organischen Chlorverbindungen, welche durch die Stockholmer Konvention vom 22. Mai 2001 weltweit verboten wurden. Nach dem Ende des Bergbaus an der Saar 2012 und dem bevorstehenden Ende des Bergbaus im Ruhrgebiet 2018 sollte das giftige PCB dringend geborgen werden, doch die Strategie des Bergwerkskonzerns Ruhrkohle Aktiengesellschaft (RAG) sieht offenbar das Gegenteil vor. Obwohl PCB-Altlasten seit 1999 als Sondermüll gemeldet, geborgen und entsorgt werden müssen, lässt man hier zu, dass das in die Stollen laufende Grubenwasser das PCB nach und nach ausspült. Grubenwasser, das dann an die Oberfläche gepumpt und in Flüsse eingeleitet wird.

PCB in Fischen nachweisbar

"Wir glauben“, heißt es bei der RAG zum PCB in den Gewässern, "dass von diesem Anteil keine Gefährdung ausgeht." Doch laut Michael Möhlenkamp, Geschäftsführer des Fischerei-Verbandes Westfalen und Lippe e.V. ist das PCB selbst noch in winzigsten Mengen in den Fischen nachweisbar, reichert sich also über die Nahrungskette wieder an: "Und wenn wir hier von Tonnen PCB sprechen, die möglicherweise in unsere Gewässer gelangen, dann ist das auch eine ganz, ganz große Gefahr für unsere Gewässer."
Experten bezweilfeln, dass rechtlich überhaupt eine ausreichende Grundlage besteht, PCB-belastetes Grubenwasser in Flüsse einzuleiten. Harald Friedrich, Mitglied eines Arbeitskreises der Landesregierung, kommt zu einem eindeutigen Schluss: "Dass derzeit Sekunde für Sekunde, tausende von Kubikmeter Grubenwassern in die Lippe, in die Emscher, in die Ruhr und in den Rhein eingeleitet werden, ist ein absolut illegaler Tatbestand, weil dafür die Ruhrkohle keine Einleitgenehmigung hat.”

Flutung der Stollen im Saarland

Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) in Nordrhein-Westfalen hat folgedessen Strafanzeige gegen die Einleitung gestellt. BUND-Sprecher Dirk Jansen warnt: "PCB ist nicht wasserlöslich, PCB wird angelagert an Sand, an Ton-Partikeln, gelangt so in die Umwelt, kann von Fischen aufgenommen werden, gelangt in die Nahrungskette, kann dann auch in den menschlichen Organismus gelangen.“
Nordrhein-Westfalens grüner Umweltminister, Johannes Remmel, versucht zumindest Schadensbegrenzung. Per Erlass will er "die Teile der Bergwerke, die noch zugänglich sind, offen halten, um gegebenenfalls hier das PCB, das vorhanden ist, rauszuholen.“ Doch statt ein Konzept zu entwickeln, das jahrzehntelang eingesetzte PCB zu bergen, setzt der Konzern im benachbarten Saarland sogar auf die Flutung der Stollen. Gegen den Widerstand von oberen Behörden wurde im zuständigen saarländischen Bergamt die Genehmigung zur Anhebung des Grubenwassers in den RAG-Schächten Duhamel in Ensdorf auf den Weg gebracht. In die Entscheidungen und in die RAG-Strategie eingebunden war der damalige saarländische Minister für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Energie, Heiko Maas. Heute wertet er als Bundesjustizminister die Entscheidung als klar und unproblematisch: "Es sind alle Fragen im Vorfeld geklärt worden, auch über Gutachten, dass es keine Gesundheitsgefährdung gibt, und insofern ist diese Bewilligung, die es damals gegeben hat, völlig rechtsfehlerfrei gewesen.“ Es ist jedoch eine Weichenstellung, die die Möglichkeit schwinden lässt, das in den Stollen verbliebene PCB sicher zu bergen. Friedrich spricht bereits von "einem der größten Umweltskandale, die diese Republik gesehen hat."

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