Lufthansa umfliegt Tarifrecht

Sparkurs bei Billigableger

Politik | Frontal 21 - Lufthansa umfliegt Tarifrecht

Die Lufthansa wird mit ihrem Sparkurs der sozialen Verantwortung für die eigenen Mitarbeiter nicht mehr gerecht, kritisieren Gewerkschaften im Zuge der Neugründung der Billigfluglinie Eurowings Europe

Beitragslänge:
7 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 27.01.2017, 16:58

Die Lufthansa wird mit ihrem neuen Sparkurs der sozialen Verantwortung für die eigenen Mitarbeiter nicht mehr gerecht. Diesen Vorwurf erheben Vertreter mehrerer Gewerkschaften  und Luftverkehrsexperten gegenüber Frontal21.

Im Zusammenhang mit der Neugründung der Billigfluglinie Eurowings Europe, die im Juni in Wien ihren Flugbetrieb aufnehmen will, kritisieren Luftverkehrsexperten und Gewerkschaftsvertreter Lohn- und Sozialdumping, Tarifflucht ins Ausland sowie Abbau von Qualitäts- und Sicherheitsstandards.

Profitsteigerung auf Kosten von Arbeitnehmerrechten

Johannes Schwarcz, verantwortlich für Luftverkehr in der österreichischen Gewerkschaft vida, signalisiert Kampfbereitschaft: "Profitsteigerungen auf Kosten von Arbeitnehmerrechten bis hin zur prekären Beschäftigung werden wir mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln verhindern." Die Arbeitsangebote für Piloten und Flugbegleiter bei der neuen Eurowings seien an der Grenze des gesetzlich Erlaubten, die Bezahlung liege im Vergleich zur Lufthansa-Tochter Germanwings um etwa 40 Prozent niedriger. Auch wichtige Sozialleistungen, wie die Frühverrentung altersschwacher Piloten oder die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, seien für das Personal von Eurowings Europe gestrichen worden.
Die Lufthansa will das Billigsegment innerhalb des Konzerns weiter ausbauen und dabei die tarifgebundene Germanwings abwickeln, um das komplette Geschäft auf die neue Eurowings Wien zu übertragen, so die Befürchtungen von Nicoley Baublies, Sprecher der Unabhängigen Flugbegleiter Organisation (UFO): "Aber bis jetzt, wenige Wochen vor dem Start, sind uns keine Kollektivverträge angeboten worden", sagt Baublies und fügt hinzu: "Hier wird aktiv Tarifflucht begangen."

Abbau von Qualitäts- und Sicherheitsstandards

Der Sprecher der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit, Markus Wahl, fürchtet gar den Abbau von Qualitäts- und Sicherheitsstandards. Denn mit der Billiglinie werde der Druck auf Mitarbeiter steigen. "Trifft ein Pilot immer die sicherste Entscheidung, wenn er weiß, dass es eine teure Entscheidung ist und wenn er weiß, dass er damit seine Karrierechancen verbaut?", fragt Wahl und erklärt es an einem Beispiel: "Wenn es am Zielort Gewitter in der Vorhersage gibt, dann würde ich kurzerhand ein wenig Extra-Sprit tanken, über das gesetzliche Minimum hinaus, um zum Beispiel ein Durchstartmanöver mit ein zu tanken." Ein Pilot, der aber dann befürchten müsse, dass er deswegen nicht mehr befördert werde - weil das ja mehr Geld koste - werde sich vielleicht dreimal überlegen, ob er diesen Extra-Sprit wirklich tankt. "Die sicherste Entscheidung ist es meiner Meinung aber nicht", so Wahl.

Professor Rudolf Juchelka, Wirtschaftsgeograph an der Universität Duisburg-Essen, wirft Lufthansa-Chef Carsten Spohr Scheinheiligkeit vor: "Er kritisiert den Mangel an sozialer Verantwortung bei anderen Billiglinien und den Golf-Airlines, bedient sich jetzt aber des gleichen Sozialdumpings." Mit Blick auf die konzerninternen Vertragsangebote für das neue Eurowings-Personal, die Frontal21 vorliegen, stellt Juchelka fest: "Das ist ein ganz neuer Standard im Vergleich zu dem, was Lufthansa bisher gehabt hat." Unter Lohn- und Gehaltsgesichtspunkten, unter dem Gesichtspunkt der sozialen Verantwortungsfähigkeit des Unternehmens sei das eine Negativentwicklung. Hier werde Sozial- und Lohndumping durchaus sichtbar und erkennbar. “Lufthansa möchte offensichtlich den Standort Wien im Rahmen der eigenen Interessen ganz gezielt hier ausnutzen und instrumentalisieren", so Juchelka.

Lufthansa weist Vorwürfe zurück

Die Lufthansa selbst weist die Vorwürfe als unbegründet zurück. Der Konzern werde weiterhin seiner Verantwortung für die Mitarbeiter gerecht und auch Qualität und Sicherheit bleibe auf höchstem Standard, heißt es.

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