Tierfabrik Deutschland vom 25. August 2015

Von Billigfleisch und Wegwerfküken

Politik | Frontal 21 - Tierfabrik Deutschland vom 25. August 2015

Massentierhaltung ist beim Verbraucher verpönt. Das neue Versprechen der Bauern: mehr Tierschutz im Stall. Doch Glücksschweine zu Discount-Preisen sind nicht zu produzieren.

Beitragslänge:
43 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 25.08.2017, 21:00
Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2015

Massentierhaltung ist beim Verbraucher verpönt. Bauern versprechen mehr Tierschutz im Stall. Doch Glücksschweine zu Aldi-Preisen sind nicht zu produzieren.

Seit Jahren streiten die Deutschen, was sich in der industriellen Nutztierhaltung ändern muss. 80 Prozent der Verbraucher wollen angeblich mehr zahlen für tierschutzgerechte Lebensmittel. Doch an Ladentheken ist "Billig" König und das Leiden der Tiere kaum Thema.

59 Kilogramm Fleisch, dazu 218 Eier und rund 84 Liter Milch - der Jahresverbrauch der Deutschen vom Baby bis zum Greis. Jeder verspeist in seinem Leben vier Rinder, 46 Schweine und 945 Hühner. Eine ganze Menge und das so preiswert wie nie. Die Deutschen geben im Vergleich zu ihren europäischen Nachbarn ziemlich wenig für Lebensmittel aus, es sind gerade zehn Prozent des Pro-Kopf-Einkommens. Dafür fordern sie sehr lautstark mehr Tierschutz. Am besten: Schweine im Stroh, freilaufende Hühner mit Hahn auf dem Mist oder Mutterkühe auf der Weide mit niedlichen Kälbchen. Doch zwischen Verbraucherwunsch und landwirtschaftlicher Produktionsrealität liegen Welten.

Billige Eier - und der millionenfache Mord an Eintagsküken: Seit der Industrialisierung der Eierproduktion werden Hühner entweder auf Legeleistung oder auf Fleischansatz gezüchtet. Die Folge: Männliche Küken der Legelinien werden direkt nach dem Schlupf getötet, millionenfach vergast. Seit Jahren ist das Problem ungelöst. Die Autoren sprechen mit dem Chef der weltweit größten Brüterei, der auf großtechnische Lösungen setzt - die Erkennung des Geschlechts im Ei. Sie besuchen einen Geflügelhof, der die männlichen Küken mit großzieht und als Bruderhähne vermarktet, aufwendig und mit mäßigem wirtschaftlichem Erfolg, dafür mit besserem Gewissen. Es kommen Züchter zu Wort, die zurück wollen zu einer Hühnerzucht wie sie früher üblich war, ohne dass die Hälfte der Tiere einfach in der Abfalltonne landet.

Billiges Schweinefleisch - und Kadavertonnen in der Massenproduktion: Die Hochleistungszucht bei Sauen hat viele Auswirkungen. Die Tiere gebären mehr Ferkel als die Sauen Zitzen haben, sie sind weitaus größer, breiter und schwerer als noch vor 20 Jahren. Die Folge: Es gehört auch zum Geschäft, dass überzählige Ferkel einfach an der Stallwand totgeschlagen werden. So genannte Kümmerlinge - schwache, kleine Ferkel - kann sich kaum ein Landwirt leisten, zu Zehntausenden landen sie in Kadavertonnen. Und die immer größeren Sauen müssen ihr halbes Leben in viel zu engen Kastenständen leben, eingepfercht hinter Gittern. Die Autoren begleiten Schweinemäster bei der Arbeit, schildern, in welchen ökonomischen Zwängen die Landwirte stecken, fragen, ob mehr Tierschutz möglich ist und was das kostet.

"Tierfabrik Deutschland" thematisiert, warum einer der größten Schweinezüchter Europas derzeit vor Gericht steht, aber eine Verurteilung nicht fürchtet. Die Autoren decken auf, wie die Agrarlobby es bis heute schafft, Tierschutzgesetze aufzuweichen und zu umgehen.

Billige Milch - und die Schlachtung trächtiger Hochleistungsrinder: Eigentlich sollte die Geburt eines Kälbchens ein freudiges Ereignis sein. Doch wenn das Neugeborene ein männliches Tier, ein Stierkalb ist, haben manche Milchbauern ein Problem. Stierkälber geben keine Milch und sind für die Mast ungeeignet. Viehhändler zahlen mancherorts nur noch Ramschpreise, lohnt da die Aufzucht noch? In Großbritannien und Neuseeland werden viele Stierkälber nach der Geburt erschossen. Droht in Deutschland ähnliches?

Die Autoren fragen nach bei deutschen Milchbetrieben und Molkereien, die Milchpreise sind im freien Fall und Bauern unter Druck. Jahrzehntelange Hochleistungszucht hat nicht nur die jährliche Milchleistung auf mehr als 10 000 Liter gesteigert, sie hat die Kühe anfälliger gemacht für Krankheiten und sie landen immer schneller im Schlachthof. Darunter häufig auch trächtige Rinder. Die Kälberembryonen sterben einen qualvollen Erstickungstod. Die Autoren reden mit Milchbauern, sind bei der Geburt eines Kälbchens dabei und beim Feilschen um den Wert des Tierlebens. Sie reden mit Tierärzten über die Schlachtung trächtiger Rinder, befragen Politiker, warum Hochleistungszucht mit Todesfolge nicht längst verboten ist.

Stab

  • Autor - Christian Rohde, Jörg Göbel

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