Atomgefahr an Deutschlands Grenzen

Politik | Frontal 21 - Atomgefahr an Deutschlands Grenzen

Die veralteten Atomkraftwerke in Tihange und in Doel unweit der deutsch-belgischen Grenze sind neben den französischen Reaktoren derzeit die Sorgenkinder der europäischen Atompolitik.

Beitragslänge:
9 min
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Video verfügbar bis 08.03.2017, 13:17

Im deutsch-belgischen Grenzgebiet bereiten sich die Menschen "weltweit erstmals auf einen Atomunfall öffentlich vor“. So drastisch formulierte es kürzlich der Aachener Mediziner Wilfried Duisberg, Mitglied der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, auf einer der zahlreichen Bürgerversammlungen, die über die Gefahr belgischer Atomkraftwerke informieren.

Die veralteten Atomkraftwerke im rund 65 Kilometer von Aachen entfernten Tihange und in Doel, im Hafengebiet von Antwerpen, sind neben den französischen Reaktoren derzeit die Sorgenkinder der europäischen Atompolitik. Denn die Häufigkeit der Zwischenfälle in diesen veralteten Nuklearanlagen nimmt zu. Immer wieder müssen die Meiler aus Sicherheitsgründen abgeschaltet werden.

Risse in Reaktordruckbehältern

Die größte Gefahr aber geht nach Ansicht von Bürgern und Experten von den zahlreichen Rissen in zwei belgischen Reaktordruckbehältern aus, die 2012 bei Ultraschalluntersuchungen entdeckt wurden. Damals sind im Reaktor Tihange 2 mehr als 3.000 Risse und in Doel 3 sogar mehr als 13.000 Risse im 20 Zentimeter dicken Stahlmantel der Atombehälter festgestellt worden.

Der Betreiber der Anlagen, das belgische Unternehmen Electrabel, behauptet, es handele sich um Wasserstoffflocken, die bei der Herstellung der Stahlmäntel Ende der 70er Jahre entstanden seien. Seither hätten sich die Risse aber nicht verändert und seien auch völlig ungefährlich, so ein Sprecher des Energiebetreibers, der sich gegenüber Frontal21 auf “zahlreiche Studien“ beruft. Dieser Auffassung folgte auch die belgische Atomaufsicht und erlaubte im Dezember 2015, dass die beiden schadhaften Reaktoren wieder hochgefahren wurden.

Zweifel an Betriebssicherheit

Doch angesichts der Masse und Größe der Risse – einige haben eine Länge von fast 18 Zentimetern – hat auch der Materialwissenschaftler Professor Walter Bogaerts von der belgischen Universität Leuwen größte Sorgen: “Keiner kann ernsthaft erzählen, dass die Lage sicher ist“, so Bogaerts. “Zu behaupten, dass so große Risse, in dieser Anzahl, schon von Anfang an da waren, ist sehr gefährlich.“

Auch Mitglieder der deutschen Reaktorsicherheitskommission, die auch Bundesumweltministerin Barbara Hendricks in der Frage beraten, haben massive Zweifel an der Betriebssicherheit der beiden belgischen Meiler. “Keiner weiß, ob die Risse zu wanddurchdringenden Rissen werden können“, so einer der Nuklearexperten gegenüber Frontal21. Und ein Materialexperte vesichert: “In Deutschland wären diese Reaktoren niemals in Betrieb genommen worden.“

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