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Discountpreise bei Ryanair

Billig auf Kosten der Mitarbeiter

Politik | Frontal 21 - Discountpreise bei Ryanair

„Die preisgünstigste Art, Europa zu erkunden“ – mit diesem Versprechen wirbt die irische Billigfluggesellschaft Ryanair auf ihrer Internetseite. Doch nun schaden zahlreiche Flugstornierungen dem Erfolgsimage.

Beitragslänge:
7 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 24.10.2019, 21:00

Der irische Billigflieger Ryanair ist mit einem einfachen Rezept zu Europas größter Fluglinie geworden: pünktliche Landungen, spartanische Ausstattung und preiswerte Tickets. Diese Strategie hat sich für den selbsternannten Marktführer für Billigflüge in Europa ausgezahlt. Das Unternehmen verbuchte im vergangenen Jahr 1,3 Milliarden Euro Gewinn. Doch in jüngster Zeit litt das Image. Im September musste der Billigflieger 2.100 Flüge streichen. 400.000 Kunden in Europa waren betroffen. Ryanair-Chef Michael O'Leary nannte als Grund das zu schnelle Wachstum der Airline und eine missglückte Urlaubsplanung bei den Piloten. Er versuchte zu beruhigen: "War dies der beste Tag in der Geschichte von Ryanair? Nein. Haben wir Mist gebaut? Ja. Schadet das unserem Ruf und habe ich mich entschuldigt? Ja, natürlich."

Billigflieger Ryanair soll Flugbegleiter illegal beschäftigen

Doch nach Recherchen von Frontal 21 und WELT hat Ryanair noch ganz andere Probleme. Die Fluggesellschaft beschäftigt seine rund 700 in Deutschland stationierten Flugbegleiter nach Meinung von anerkannten Arbeitsrechtlern offenbar zu rechtswidrigen Konditionen. Den Redaktionen liegen rund 50 Seiten an Verträgen und firmeninternen Memos vor. Darin steht zum Beispiel, dass das Kabinenpersonal unbegrenzt unbezahlten Zwangsurlaub akzeptieren müsse. Zudem dürfe Angestellten jederzeit ohne Angabe von Gründen gekündigt werden.

So erzählt es auch Enrico Ursi, Flugbegleiter bei Ryanair. Ursi ist Italiener, 33 Jahre alt, verheiratet, er hat zwei Kinder und wohnt mit seiner Familie in Süddeutschland. Laut Arbeitsvertrag ist seine Heimatbasis Baden-Baden. Obwohl er seit fünf Jahren in Deutschland lebt, pocht Ryanair darauf, dass sein Arbeitsvertrag irischem Recht unterliege. Das hat für Ursi Folgen. Die Kündigungsfrist beträgt maximal acht Wochen, er muss unbezahlten Zwangsurlaub nehmen und gegenüber dem Ryanair-Betriebsarzt eine Schweigepflichtentbindung akzeptieren. Ursi ist nach mehreren Jahren bei Ryanair überzeugt:

Deutsche Arbeitsrechtler sind sicher, dass die Vertragsgestaltung bei Ryanair illegal ist. "Wer dauerhaft in Deutschland arbeitet, für den kann kein ausländisches Arbeitsrecht im Arbeitsvertrag vereinbart werden, das den zwingenden Arbeitnehmerschutz nach deutschem Recht unterläuft“, sagt der bekannte Arbeitsrechtler Peter Schüren, Professor an der Universität Münster. Er hat die Ryanair-Verträge analysiert. Viele Formulierungen in den Arbeitsverträgen der Flugbegleiter seien mit deutschem Arbeitsrecht nicht vereinbar.

Im Streitfall wären deutsche Arbeitsgerichte zuständig

Der Bremer Rechtsprofessor Wolfgang Däubler hat die Ryanair-Verträge im Auftrag der Bundestagsfraktion der Linken analysiert. Auch er kommt zum Schluss, dass sich die irische Fluggesellschaft nicht an europäisches Recht hält. Der Linken-Politiker Klaus Ernst fordert, in Zukunft Start- und Landeerlaubnisse für Fluggesellschaften an soziale Bedingungen zu knüpfen. “Es gibt Ausbeutungsverträge, dann gibt es schlimmere Ausbeutungsverträge und dann kommen die Verträge von Ryanair“, so Ernst. “Ich habe noch nie so einen Vertrag gesehen, der die Rechte der abhängig Beschäftigten in einer Weise missachtet, dass man wirklich von brutaler Ausbeutung reden kann“, sagte Ernst gegenüber dem ZDF.

Das Bundesarbeitsministerium möchte den konkreten Fall nicht kommentieren, macht aber deutlich: “Sollten den Arbeitnehmern Rechte vorenthalten werden, die ihnen nach dem internationalen Privatrecht zustehen, ist dies nicht akzeptabel.“ Im Streitfall wären deutsche Arbeitsgerichte zuständig. So hat der Europäische Gerichtshof Mitte September 2017 zu solchen Ryanair-Arbeitsverträgen in Belgien entschieden. Der Personalchef von Ryanair, Eddie Wilson, kommentierte in einer Pressemitteilung die Gerichtsentscheidung mit den Worten: “Wir glauben nicht, dass das die Verträge unserer irischen Mitarbeiter in irgendeiner Weise betrifft.“

Der langjährige Ryanair-Flugbegleiter Enrico Ursi will sich damit nicht abfinden. Auch weil er in seinem Job nur etwa 1000 Euro netto im Monat verdient. “Mit diesem Job komme ich nicht über die Runden. Zahltag, das heißt für mich: das Geld nehmen und direkt die Rechnungen damit bezahlen.“ Die Euphorie für den Traumberuf Flugbegleiter ist bei ihm inzwischen verflogen.

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