"Tierfabrik Deutschland“

Millionen Küken werden direkt nach dem Schlüpfen vergast, überzählige Ferkel an der Stallwand totgeschlagen, Kälberembryonen noch im Mutterleib erstickt: Die Frontal-21-Webdoku Tierfabrik Deutschland beleuchtet die Hintergründe der Fleischproduktion.

Wer Milch, Butter, Quark oder Joghurt konsumiert, bezahlt für eine Milchwirtschaft, in der die Leistung der Milchkühe zählt und die Landwirte unter immer stärkeren wirtschaftlichen Druck geraten. Aktuell ist der Milchpreis so niedrig wie seit Jahren nicht: Der Liter Milch kostet bei Aldi 51 Cent, 250 Gramm Butter bei Lidl 85 Cent, 250 Gramm Magerquark gibt es bei REWE für 45Cent. Milchprodukte zu Schleuderpreisen: Kein Wunder, dass viele Milchviehhalter Angst haben, bei diesem Preiskampf unter die Räder zu kommen. Wenn der Landwirt ums wirtschaftliche Überleben kämpft, welche Auswirkungen hat das auf das Wohl der Kühe?

Ein kurzes Leben für die Milch

Mit etwas mehr als zwei Jahren kalbt eine Kuh zum ersten Mal. Erst jetzt kann die Kuh Milch geben, zwischen 20 und 40 Liter pro Tag. Diese sogenannte Laktationsphase dauert insgesamt 305 Tage. Dann wird die Kuh trocken gestellt – nicht gemolken. Sie ist jetzt hoch trächtig und darf sich etwa 60 Tage lang ausruhen. Denn kurz nach der Geburt ihres ersten Kalbes wurde die Kuh wieder besamt. Nach neun Monaten Trächtigkeit kalbt sie erneut, und der Milchkreislauf kann von vorn beginnen. Nur durch einen solch strammen Produktionszyklus gibt eine Kuh zwischen 6000 und 12.000 Liter Milch pro Jahr.
Was viele nicht wissen: Etliche Milchkühe verbringen fast ihr ganzes Leben angebunden. Die sogenannte Anbindehaltung beziffert der Wissenschaftliche Agrarbeirat auf 27 Prozent des Milchviehbestandes, also mehr als eine Million Tiere in Deutschland. Die durchschnittliche Lebenserwartung einer Milchkuh liegt bei gerade fünf Jahren. Dabei können Rinder in der Natur durchaus bis zu 20 Jahre alt werden. In der Regel geben Landwirte Kühe zur Schlachtung, weil die Milchleistung nicht mehr stimmt, wegen Euterentzündungen, Lahmheit oder Unfruchtbarkeit.

Wertlose Stierkälber von Hochleistungsrassen

Die deutschen Milchviehhalter setzen bei der Milchproduktion vor allem auf eine Rasse: die Holstein Friesian. Die schwarz-weiß gefleckte Kuh, auch Schwarzbunte genannt, wird vor allem in den großen Milchbetrieben eingesetzt. Das Problem dieser Zucht: Weibliche Tiere sind für den Bauern wertvoll, sie geben Milch. Die männlichen sind dagegen nutzloser Ballast. Sie setzen kaum Fleisch an. Die meisten Bauern verkaufen daher die Stierkälber an Viehhändler, die die Tiere wiederum an Kälbermäster, vor allem in den Niederlanden, weiterverkaufen. Manchmal sind die Tiere beim Verkauf keine 15 Euro wert, quasi Ramschware. Werden die Kälber kurz nach der Geburt krank, machen die Landwirte schnell Verluste. Denn der Einsatz eines Tierarztes kostet in der Regel mindestens 30 Euro und mehr. Der Verdacht: Einige Landwirte würden männliche Stierkälber eher sterben lassen, da sie nicht von Nutzen sind. Diesen Verdacht erhärten Daten des Landeskontrollverbandes Schleswig-Holstein. Laut Züchterverband liegen die Kälberverluste bei männlichen Nachkommen deutlich höher. So beträgt beispielsweise bei der Schwarzbunten die Verlustrate an männlichen Kälbern 3,8 Prozent, an weiblichen nur 1,7 Prozent.

Schlachtung trächtiger Rinder

Kühe müssen dauernd trächtig sein. Nur wenn sie Kälber gebären, geben sie auch Milch. Stimmt die Milchleistung nicht, werden sie aussortiert – mit teilweise dramatischen Folgen. So kommen auch schwangere, sogenannte gravide Rinder, zum Schlachthof. Trächtigkeitskontrollen sind vom Gesetz nicht vorgeschrieben.
Schon 2011 veröffentlichte die Universität Leipzig eine Studie zur Schlachtung gravider Rinder - mit erschreckenden Ergebnissen: "Die Untersuchungen haben (…) gezeigt, dass bis zu zehn Prozent der weiblichen Rinder (…) tragend der Schlachtung zugeführt werden." Das entspricht 180.000 Tieren – jedes Jahr. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt, CSU, hat angekündigt, gegen die Schlachtung gravider Rinder vorzugehen. Ökonomische Zwänge dürften nie dazu führen, dass das Tier zum Abfall werde, sagte Schmidt im Frontal21-Interview. "Das geht nicht und das werden und müssen wir im Vollzug des Tierschutzrechtes ändern." Allerdings ist offen, wie und wann das geschehen soll.

Preise fallen, Insolvenzen drohen

Im Frühjahr 2015 wurde die Milchquote abgeschafft. Seitdem kann jeder Bauer so viel Milch produzieren, wie seine Kühe hergeben. Viele Bauern befürchten Überproduktion und Preisverfall.
Der harte Wettbewerb im Einzelhandel, aber auch weltweite Entwicklungen wie die Sanktionen gegen Russland und eine nachlassende Nachfrage aus China setzen den Milchpreis unter Druck. Manche Bauern bekommen weniger als 26 Cent pro Liter von ihrer Molkerei. Ein Preiskampf ist entbrannt, in dem nur die sich behaupten können, die groß oder finanzstark genug sind, um wirtschaftlich zu arbeiten. Für viele Experten steht fest: Bald werden Milchviehbetriebe Insolvenz anmelden müssen. Denn für die meisten Betriebe gilt: Sie brauchen 33 bis 34 Cent für einen Liter Milch, um die Kosten zu decken.

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