Überfüllte Notaufnahmen

Politik | Frontal 21 - Überfüllte Notaufnahmen

Volle Flure, lange Wartezeiten, gestresstes Personal – Alltag in Deutschlands Notaufnahmen. Jedes Jahr steigt die Zahl der Patienten, die eine Rettungsstelle aufsuchen, um mindestens fünf Prozent.

Beitragslänge:
9 min
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Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 25.10.2017, 18:04

Volle Flure, lange Wartezeiten, gestresstes Personal – Alltag in Deutschlands Notaufnahmen. Jedes Jahr steigt die Zahl der Patienten, die eine Rettungsstelle aufsuchen, um mindestens fünf Prozent. Im letzten Jahr waren es über 20 Millionen Menschen, die in den Notaufnahmen behandelt wurden.

Doch ein Drittel der Patienten, die in eine Notaufnahme kommen, sind sogenannte Bagatellfälle, könnten ebenso gut im ambulanten Dienst oder vom kassenärztlichen Bereitschaftsdienst behandelt werden. Solche Patienten bringen den Krankenhäuser jährlich rund eine Milliarde Euro Verluste. Schuld daran ist die sektorale Trennung, wonach Krankenhäuser für stationäre und Kassenärzte für ambulante Notfälle zuständig sind. Wer als ambulanter Patient in eine Notaufnahme kommt, verursacht durchschnittlich 130 Euro an Kosten. Erstattet bekommen die Krankenhäuser von den kassenärztlichen Vereinigungen jedoch nur circa 30 Euro.

Der Chefarzt des Schwarzwald-Baar-Klinikums, Bernhard Kumle, findet diese Teilung problematisch: "Es gibt einfach viele Symptome, da kann man nicht von vorneherein sagen, das ist jetzt ein ambulanter oder stationärer Notfall, sondern das zeigt sich erst, wenn man die Diagnostik, die Untersuchung gemacht hat", erklärt Kumle. "Letzten Endes ist es nur ein Abrechnungssystem, das dahinter steht, aber es ist nicht der Patient als Notfall gesehen."

Problemlösung durch Portalpraxen

Eine patientengerechte Lösung für dieses Dilemma ist die durchgängig geöffnete Portalpraxis, die in oder direkt neben den Notaufnahmen zu finden ist und in denen der Patient nach einer professionellen Ersteinschätzung Hausarzt im Bereitschaftsdienst oder in die Notaufnahme eingeteilt wird. Doch Krankenhäuser und Kassenärzte streiten über die Kosten- und Personalfrage. Für einen niedergelassenen Arzt lohnt sich die Arbeit in einer Portalpraxis nicht, da es nicht das Patientenaufkommen ist wie in der eigenen Praxis. Und die Notaufnahmen sind jetzt schon hoch verschuldet und könnten daher keinen Allgemeinmediziner zusätzlich einstellen.

Für den Gesundheitsökonom Alexander Geissler von der Technischen Universität Berlin ist klar geregelt, wer die Verantwortung trägt. Er verweist auf den gesetzlichen Auftrag der kassenärztlichen Vereinigungen, die für eine ambulante Notfallversorgung zuständig sind.
Vertreter von kassenärztlichen Vereinigungen wie Johannes Fechner, Vorstand der KV Baden Württemberg, möchte seine Pflicht lieber anders erfüllen und fordert, über das Thema Patientensteuerung neu nachzudenken. Die Frage sei doch, wie man den Patienten in die richtige Versorgungsebene hineinschleusen könne, wo er auch qualitativ gut versorgt werde, nicht nur finanziell günstiger. "Also, wenn Sie mit Rückenschmerzen gleich die Ambulanz der Universitätsklinik gehen, dann sind Sie da sicher fehl am Platz."

Im Falle eines Notfalls

Tatsächlich hat der Patient fünf Wahlmöglichkeiten im Falle eines Notfalls. Für stationäre Fälle gibt es den Notruf 112 und die Notaufnahme, für ambulante Fälle gibt es den niedergelassenen Arzt, die Nummer des kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes und, wenn vorhanden, eine Notdienstpraxis. Eine Studie, ausgeführt mit 2.000 Patienten an Berliner Krankenhäusern, hat jedoch ergeben, dass mehr als die Hälfte der ambulanten Patienten in Notaufnahmen die Nummer des kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes nicht kannten.

Ohnehin, findet Kumle, seien patientenbasierte Selbsteinschätzungen nicht zuverlässig: "Woher soll der Patient jetzt entscheiden, welche Stelle jetzt für ihn die richtige ist." Das sei für einen Patienten fast nicht machbar. "Er weiß ja nicht, hat er jetzt einen Herzinfarkt oder keinen Infarkt, hat er jetzt eine Blinddarm-Entzündung oder hat er keine", so der Mediziner. "Der hat halt Bauchschmerzen oder Brustschmerzen und was dann da jetzt zeitkritisch ist oder nicht, das kann er jetzt gar nicht entscheiden." Kumle sieht genau da jetzt die Schwierigkeit, "dass wir jetzt versuchen, den Patienten dem System irgendwie anzupassen und nicht irgendwie das System an den Patienten."

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