Gefährliche Bahnsteigneigung

Politik | Frontal 21 - Gefährliche Bahnsteigneigung

Die Bahn behauptet, Stuttgart 21 könne trotz drastischer Bahnsteigneigung genauso sicher betrieben werden wie ein ebener Bahnhof. Doch Frontal21 liegen exklusiv Videos vor, die das Gegenteil zeigen.

Beitragslänge:
8 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 24.05.2017, 16:06

Die Deutsche Bahn behauptet, Stuttgart 21 könne trotz drastischer Bahnsteigneigung genauso sicher betrieben werden wie ein ebener Bahnhof. Doch Frontal21 liegen exklusiv Videos vor, die anhand von Rolltests mit Kinderwagen auf vergleichbaren Bahnsteigen das Gegenteil zeigen.

Stuttgart 21, eines der größten europäischen Bahnhofsprojekte, ist von Anfang an umstritten. Auch weil es von Anfang an Zweifel daran gibt, ob der schräg geplante Bahnhof wirklich sicher betrieben werden kann. Denn auf 400 Meter Bahnsteiglänge wird er einen Höhenunterschied von sechs Metern haben, so hoch wie ein zweistöckiges Haus.

Kritiker und Bahnexperten befürchten, bei so einer starken Neigung könnten auf den Gleisen Züge und auf den Bahnsteigen Kinderwagen, Rollstühle oder Koffer leicht ins Rollen kommen. Dagegen erklärt die Bahn, sie werde für "gleiche Sicherheit“ sorgen. Sie habe nachgewiesen, dass der schräge Bahnhof genauso sicher sei wie ein Bahnhof ohne Neigung.

Extreme Bahnsteigneigung

Nach der Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung (EBO) gilt als Obergrenze für neu gebaute Bahnhöfe eine maximale Neigung von 2,5 Promille. Das wäre für den künftigen Stuttgarter Bahnhof ein Meter Höhenunterschied auf 400 Meter Bahnsteiglänge. In Deutschland ist das nur eine Soll-Vorschrift, in vielen anderen Ländern der Welt dagegen wegen der Sicherheit von Reisenden und Bahnpersonal zwingend vorgeschrieben. Auch in Deutschland hat sich die Bahn fast überall an diese Grenze gehalten.

Das Milliardenprojekt Stuttgart ist der einzige Großstadtbahnhof mit so einer extremen Neigung. Das Eisenbahnbundesamt als Aufsichtsbehörde hat diese sechsfache überhöhte Schräge zugelassen. Die Behörde begründet das damit, die Bahn habe nachgewiesen, dass sie den geneigten Bahnsteig für Reisende genauso sicher machen könne wie einen ebenen Bahnsteig.

Kinderwagen rollt beim Test von selbst ins Gleis

Der Bahnexperte Professor Markus Hecht von der Technischen Universität Berlin hat große Zweifel. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Bahnhof so sicher gemacht werden kann wie ein ebener Bahnhof", sagt er im Frontal21-Interview. Es gebe dafür keine technischen Lösungen. "Am Bahnsteig sehe ich keine Möglichkeit, eine Lösung zu finden und die Unfallgefahr zu reduzieren“, so Hecht.

Nach Angaben der Bahn ist ihr wichtigstes Mittel für Sicherheit zu sorgen, dass es zusätzlich zur Längsneigung eine Querneigung in Richtung Bahnsteigmitte geben werde. Dadurch werde es keine Unfälle geben. Der Bahnhof Ingolstadt Nord hat so eine Querneigung und gleichzeitig auch streckenweise eine gleiche Längsneigung wie Stuttgart 21. Unter diesen Bedingungen hat dort der Ingenieur Christoph Engelhardt vom Onlineportal wikireal.org mit Kollegen getestet, wie sicher so eine Längs- und Querneigung ist. Das Ergebnis des Praxistests: Bei jedem siebten Versuch rollte der Test-Kinderwagen, bestückt mit dem Gewicht eines Kindes, von selbst ins Gleis.

Bereits mehrere Unfälle mit Kinderwagen und Rollstühlen

In Osnabrück kam es vor zwei Jahren zu einem Unfall. Eine junge Rollstuhlfahrerin rollte ins Gleis, weil ihr Begleiter abgelenkt war und die Bremse nicht gezogen hatte. Der Unfall wurde auch durch die Bahnsteigneigung verursacht, hat die Bundespolizei ermittelt. Nach Recherchen von Frontal21 kam es in den vergangenen zehn Jahren zu mindestens sechs weiteren Unfällen mit Kinderwagen und Rollstühlen. Welche Rolle die Bahnsteigneigung jeweils spielte, ist nicht bekannt. Und die Bahn tut so, als wenn es diese Vorfälle nicht geben würde.

Zu dem Test in Ingolstadt Nord hat sich die Bahn nicht geäußert. Und das Eisenbahnbundesamt erklärt, nachdem das Amt die Baugenehmigung erteilt habe, sei die Bahn als Betreiber verantwortlich, die geforderte Sicherheit zu gewährleisten. Ob ihr das gelingt, werde die Aufsichtsbehörde kurz vor Inbetriebnahme überprüfen. Traut sie sich dann, für Sicherheit zu sorgen? Professor Markus Hecht von der TU Berlin hat Zweifel: "Das ist allgemein in Deutschland die Sicherheitsphilosophie: Ich handle immer erst, wenn der Unfall passiert ist."

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet