Flüchtlingskinder ohne Perspektive

Syrische Flüchtlingskinder  Flüchtlingscamp Azraq, Jordanien

Politik | Frontal 21 - Flüchtlingskinder ohne Perspektive

Tausende Kinder und Jugendliche sind mit und auch ohne ihre Familien auf der Flucht. Manche harren seit Jahren in Flüchtlingscamps aus oder außerhalb - in den Städten und Dörfern der Nachbarländer.

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Tausende Kinder und Jugendliche sind mit und auch ohne ihre Familien auf der Flucht vor den Bomben Assads und der Gewalt des IS. Manche harren seit Jahren in Flüchtlingscamps aus oder außerhalb - in den Städten und Dörfern der Nachbarländer, wie etwa in Jordanien.

630.000 Flüchtlinge hat die UNO in Jordanien registriert, doch tatsächlich sollen es bis zu einer Million Menschen sein. Viele von ihnen sind unter 18 Jahre, die in den Kriegsjahren ihre Kindheit und Jugend verpassen, ohne eine Lebensperspektive zu haben.

Nur eine Schule für tausende Kinder

Vater mit Schulkindern im Flüchtlingscamp Azraq
Ali bringt seine Kinder zur einzigen Schule im Camp Quelle: ZDF

Auch Hayan ist im Flüchtlingslager Azraq mitten in der jordanischen Wüste gestrandet. Der 15-Jährige hat sich seit der Flucht drei Jahre als Friseur durchgeschlagen. Hier im Camp, rund 100 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, hat er nichts zu tun. Für junge Menschen wie Hayan gibt es hier keine Perspektive - keine Ausbildung, keine Arbeit. Für zig tausend Kinder gibt es gerademal eine Schule. Hayans Onkel bringt seine beiden jüngeren Kinder dorthin. Er hofft, dass sie später für sich sorgen können. Hayan will nach Deutschland, wie sein Vater. Aber er hat kein Geld und keinen Pass. “Jetzt kann ich nur noch auf Gottes Willen hoffen und darauf vertrauen, dass er mir hilft“, sagt der Junge.

Ohne Arbeitserlaubnis, ohne Perspektive für eine Zukunft sind syrische Flüchtlinge in den Nachbarländern auf Hilfsgelder der Vereinten Nationen, auf freiwillige Spenden und die Unterstützung von Hilfsorganisationen wie World Vision und Care angewiesen. Doch das Geld reicht schon seit Jahren nicht aus, um Essen, Medikamente und Unterkünfte zu finanzieren. In diesem Jahr musste das World Food Programme (WFP) zeitweilig das Geld für Nahrungsmittel auf 50 Cent pro Tag kürzen.

Flüchtlinge zunehmend unter Druck

Immerhin hat jetzt die deutsche Regierung 130 Millionen Euro zusätzlich zugesagt, um die Not der Flüchtlinge in den Nachbarländern Syriens zu lindern. Doch das ist nicht genug, warnt Ralf Südhoff, Leiter des deutschen WFP-Büros in Berlin: “Wir brauchen für die Syrienkrise allein schon 25 Millionen Dollar pro Woche, damit alle auch nur satt werden können.“ Das sei ein irrer Betrag, so Südhoff“, den wir unbedingt stemmen müssen, sonst fliegt uns das hier in Europa um die Ohren.“

Marten Myrilius von Care erlebt Tag für Tag den zunehmenden Druck der Flüchtlinge in Jordanien. Er betreut Familien und alleinstehende Frauen. “Die müssen oft ganz schwierige Entscheidungen treffen“, erzählt der Entwicklungshelfer. “Eine Frau schickt ihren Sohn, der ist gerade mal 14, nicht zur Schule, sondern zur Arbeit.“ Das sei illegal, so Myrilius, aber es seien halt die Überlebensstrategien, “die sie eben anwenden, wenn sie nichts mehr haben.“

Werbeversuche islamistischer Gruppierungen

Jonathan Campbell vom Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen in Jordanien spricht von einer großen humanitären Katastrophe. Er fordert: “Europa muss weiter helfen, nicht nur bis es eine Lösung in Syrien gibt, auch danach müssen wir viel helfen, um zu vermeiden, was wir hier eine ‘lost generation‘, eine verlorene Generation, nennen: Menschen die sich selbst, ihre Kinder nicht mehr ernähren und nicht schützen können.“

Wer kann, flüchtet nach Europa, wie der 19-jährige Tarik aus Homs. Vier Jahre arbeitete er illegal in Amman, dann machte auch er sich im Oktober auf in Richtung Deutschland. Drei Wochen ist er jetzt in einem der Hangars auf dem ehemaligen Tempelhofer Flughafen untergebracht, teilt sich mit elf jungen Männern eine Schlafbox. In der Berliner Notunterkunft leben über 2.000 Flüchtlinge, die alle auf eine bessere Zukunft hoffen. Doch diese Hoffnung droht zerstört zu werden, wenn es nicht zügig gelingt, den Menschen hier eine Perspektive zu geben. Betroffen sind vor allem die vielen junge Flüchtlinge, die häufig in riesigen Sammelunterkünften untergebracht und sich selbst überlassen sind. Islamistische Gruppen nutzen das, umwerben die Flüchtlinge. “Mir machen die Werbeversuche extremistischer Gruppierungen in Asylbewerberheimen große Sorgen, weil ich glaube, dass damit zum einen der Grundstein gelegt wird, dass sich junge Menschen nicht integrieren und zum anderen, dass gesellschaftliche Konflikte aus den Herkunftsländern nach Deutschland getragen werden“, sagt Burkhard Körner Präsident des bayrischen Verfassungsschutzes.

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