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Profit statt Naturschutz

Deutschland verfehlt Waldschutzziele deutlich

Nur wenige Bundesländer erfüllen die Vorgabe der Biodiversitätsstrategie, auf fünf Prozent der Waldfläche eine natürliche Entwicklung zuzulassen. Das zeigt eine Frontal-21-Umfrage.

Beitragslänge:
9 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 05.09.2020

Deutschland verfehlt seine selbstgesteckten Waldschutzziele deutlich. Das hat eine Frontal21-Umfrage unter allen 16 Bundesländern ergeben. Danach schneiden die waldreichsten Länder Bayern (1,3 Prozent) und Baden-Württemberg (2,0 Prozent) besonders schlecht ab. Nur Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Schleswig-Holstein haben das selbst gesteckte Ziel erreicht. Alle anderen Flächenländer liegen darunter. In Naturwäldern soll jenen Arten ein Überleben ermöglicht werden, die auf Altbäume, Totholz und unzerschnittene Lebensräume angewiesen sind.

Kahlschlag in einem Waldgebiet
Kahlschlag in einem Waldgebiet
Quelle: Güven Purtul

Die 2007 von der Bundesregierung beschlossene Biodiversitätsstrategie sieht vor, dass bis 2020 die Waldbewirtschaftung auf fünf Prozent der deutschen Waldfläche dauerhaft ruhen soll. Doch kurz vor dem Stichjahr sind es bundesweit gerade mal 2,8 Prozent. Die Zahlen seien erschreckend, sagt Lutz Fähser, ein international anerkannter Fachmann für naturnahe Waldbewirtschaftung: "Wir müssen die Anpassungsfähigkeit der Wälder an zukünftigen Stress erhöhen, indem wir ihnen erlauben, ihre durch die Bewirtschaftung verloren gegangene Natürlichkeit wieder zu entwickeln." Dem Ziel der Biodiversitätsstrategie stehe jedoch der Widerstand der Forstwirtschaft entgegen, die keine Produktionsflächen abgeben möchte.

Merkel: Fünf Prozent der Wälder sollen wieder Wildnis werden

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte 2013 gefordert, "dass wir fünf Prozent unserer Wälder bis zum Jahre 2020 sich völlig frei entwickeln lassen, das heißt, dass daraus wieder Wildnis wird". Schon damals war klar, dass ein Nutzungsverzicht zu Einnahmenverlusten führt. Und so sollte das Regierungsziel vor allem in öffentlichen Wäldern umgesetzt werden. Schließlich befinden sich etwa die Hälfte der deutschen Wälder im Eigentum von Bund, Ländern und Kommunen. Würden die zehn Prozent Wälder aus der Nutzung entlassen, könnte so das Fünf-Prozent-Ziel für den deutschen Wald erreicht werden. Doch obwohl die meisten Bundesländer das Ziel verfolgen, liegt es in weiter Ferne.

Die mit Abstand größten Waldflächen liegen in Bayern. Doch der Freistaat hat das Fünf-Prozent-Ziel der Bundesregierung nicht übernommen und will Belange der biologischen Vielfalt "im Rahmen der Waldbewirtschaftung" berücksichtigen. Bisher werden nur 1,3 Prozent der Waldfläche Bayerns nicht wirtschaftlich genutzt.

Baden-Württemberg ist Schlusslicht unter den Ländern

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) kündigte gegenüber Frontal21 an, einige alte Waldflächen "behutsamer" zu behandeln: "Wir verändern das Grundprinzip der Staatsforste. Das Ziel ist nicht, den als Wirtschaftswald zu sehen, sondern als Klimawald." Erst der Ende 2018 vereinbarte Koalitionsvertrag von CSU und Freien Wählern sieht ein Ziel von zehn Prozent für natürliche Entwicklung im Staatswald vor. Dadurch könnte sich der Naturwaldanteil in Bayern insgesamt auf drei Prozent erhöhen.

Schlusslicht unter den Ländern, die das Fünf-Prozent-Ziel verfolgen, ist das grün-schwarz regierte Baden-Württemberg. Bisher werden nur zwei Prozent der Waldfläche nicht wirtschaftlich genutzt. Gegenüber Frontal21 sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (B´90/Die Grünen), dass er am Naturwald-Ziel festhalte. "Wir sind da insgesamt schon auf dem richtigen Weg und das kann sich sehen lassen, was wir machen."

Streit um Naturwald

Der baden-württembergische Forstminister Peter Hauk (CDU) dagegen stellte das im Koalitionsvertrag vereinbarte Ziel in Frage. Im Interview mit Frontal21 lehnte Hauk das Fünf-Prozent-Ziel ab, "weil es davon ausgeht, dass wir flächenhaft Wälder stilllegen". Dies sei "nicht notwendig", da sich die biologische Vielfalt auch im Wirtschaftswald erhalten lasse, etwa durch das Alt- und Totholzkonzept der Landesforste. Hauk plädierte für schnelle Aufforstung auch mit Nadelbäumen und "neuen Baumarten, weil die heimischen nicht mehr mit dem Klima klarkommen".

Peter Hauk und Winfried Kretschmann
Landesforstminister Peter Hauk und Ministerpräsident Winfried Kretschmann informieren sich über die Folgen des Borkenkäfer-Befalls.
Quelle: Güven Purtul

Nur Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Schleswig-Holstein haben nach eigenen Angaben das selbst gesteckte Ziel erreicht. Alle anderen Flächenländer liegen darunter. Dennoch kritisieren Naturschützer die Qualität der ausgewiesenen Naturwälder. Statt schützenswerter Altbestände hätten die Landesforstbetriebe  vielfach unrentable Waldstücke in die Naturwald-Kulisse geschoben. In Schleswig-Holstein und Niedersachsen seien dies sogar Birkenwälder in Mooren, obwohl die eigentlich aus Naturschutzgründen wieder vernässt und von Wald freigehalten werden sollten. 

"Man muss versuchen, der Natur zu folgen"

Lutz Fähser, Forstdirektor i.R., hält die Herangehensweise "Aufräumen und Aufforsten" der geschädigten Wälder für nicht sinnvoll. Die Intensiv-Forstwirtschaft ist aus seiner Sicht Kern des Problems. "Der Wandel zu einem in Zukunft lebensfähigen Wald muss aus der Natur heraus kommen und nicht aus dem Willen des Försters". Das aktuell zu beobachtende Absterben ganzer Nadelbaum-Forste, aber auch bewirtschafteter Laubmischwälder, sei sehr besorgniserregend. Die Politik müsse endlich Abstand nehmen von einer allein auf Holzproduktion fokussierende Forstwirtschaft. "Mit Großmaschinen und riesigen Umpflanzungsaktionen kann man Natur nicht begegnen. Man muss versuchen, der Natur zu folgen und das System sich anpassen lassen", ist Fähser überzeugt.

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