Wenn Kinder nicht mehr weiter wissen

Angst vor der Schule

Politik | Frontal 21 - Wenn Kinder nicht mehr weiter wissen

Sie werden gemobbt oder fühlen sich überfordert - das sind nur einige Gründe, warum geschätzt fünf bis zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland nicht regelmäßig zum Unterricht gehen.

Beitragslänge:
7 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 06.09.2017, 15:56

Schulangst hat viele Gesichter. Die Gründe sind nicht immer in der Schule zu suchen und können sehr unterschiedlich sein: Mobbing, Trennung der Eltern oder Überforderung. Ein Teil der Betroffenen verweigert deshalb sogar gänzlich die Schule.

Traditionell wird zwischen Schulverweigerung im Sinne einer Schulangst oder Schulphobie und Schulschwänzen unterschieden: "Die Schulschwänzer sehen wir kaum im therapeutischen Umfeld, die kriegen den Applaus von der Straße und die wollen auch nichts verändern“, erklärt Petra Sobanski, kommissarische Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychosomatik in Schwabing. „Schulängstlinge“ seien die, die Angst vor der Schule hätten, weil sie zum Beispiel falsch eingeschult seien und „Teilleistungsprobleme haben, die sie eine Weile kompensieren können, die aber irgendwann zum Tragen kommen.“ Und die dritte Gruppe seien die sogenannten Angstphobiker, die Angst vor der Trennung hätten, Angst vom häuslichen Umfeld wegzugehen und in die Schule zu gehen. Sobanski plädiert deshalb dafür, sehr genau zu schauen, „was individuell dahintersteckt.“

Wenig Verständnis für Schüler mit psychischen Belastungen

Schätzungen variieren, doch Experten gehen davon aus, dass fünf bis zehn Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland regelmäßig und in erheblichem Ausmaß in der Schule fehlen. Für viele Eltern beginnt dann ein täglicher, verzweifelter Kampf um den Schulbesuch ihrer Kinder. Dabei wäre es wichtig sofort zu reagieren, so die Experten, wenn Kinder längerfristig nicht in die Schule gehen, wenn sie wiederholt mehrere Tage wegbleiben. Denn das wiederholte Krankschreiben führe nur dazu, dass die Kinder lernen, zu Hause bleiben sei angenehm und das verstärke dann auch das Fernbleiben von der Schule.

Doch um den betroffenen Kindern zu helfen, müssten Lehrer, Eltern, Ärzte, aber auch Jugendämter und -einrichtungen enger zusammenarbeiten, kritisiert Prof. Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in München: "In der klinischen Praxis erlebe ich das sehr häufig, dass im Kontakt mit der Schule wenig Verständnis für Schüler mit psychischen Belastungen da ist." Es bestehe eine Notwendigkeit, das zu verändern und enge kooperative Netze aufzubauen zwischen professioneller Versorgung, im Bereich der Kinder und Jugendpsychiatrie, mit der Jugendhilfe und der Schule.

Jugendhilfeeinrichtung als letzte Chance

Eine Jugendhilfeeinrichtung für schulmüde und schulverweigernde Kinder und Jugendliche ist beispielsweise das Hofgut Rössle im Hochschwarzwald. Auf 1.000 Metern Höhe und fünf Kilometer entfernt vom nächsten Kiosk und der nächsten Bushaltestelle leben hier Schüler ab zehn Jahren. Für manche ist die Jugendhilfeeinrichtung Timeout die letzte Chance doch noch einen Schulabschluss zu kommen, eine Ausbildung zu machen oder eine weiterführende Schule zu besuchen.

Das Konzept ist eingebettet in einen strengen Tagesablauf: Aufstehen um sechs Uhr morgens. Eine Gruppe geht zum Melken, die andere macht Frühstück. Begleitet werden sie von Betreuern, Sozialarbeitern, Lehrern. Handy, Fernseher, Computer sind verboten. Die Kinder und Jugendliche sollen hier wieder zu sich finden. Viele, die manchmal über ein Jahr in der Schule fehlten, wollen dann hier von sich aus nach drei Monaten wieder in den Unterricht. Der findet altersübergreifend in einer Gruppe mit maximal zwölf Schülern statt.

Schule oft wie ein Produktionsbetrieb

Hubert Schwizler ist Lehrer im Hofgut Rössle und erlebt dann Kinder, die, wenn sie wieder lernen wollen, in kurzer Zeit alles nachholen: "Wir sind ein Ort, wo wir zusammen leben, zusammen arbeiten, zusammen lernen und es gibt natürlich auch Kinder, die aus psychosomatischen, psychiatrischen Einrichtungen zu uns kommen, weil man dort feststellt, die passen da nicht hin." Auch die Schule sage, zu uns passen die nicht, so Schwizler, "aber wir sagen, lass sie zu uns kommen."

Was den Lehrer umtreibt: Dein Wert als Mensch hängt nicht nur von einem Diplom ab. "Das Tragische ist, dass die Schüler erleben, Scheitern ist nicht vorgesehen, Hilfsbedürftigkeit ein Zeichen von Schwäche und dann wird aussortiert. Und dann bleiben die auf der Strecke, die das nicht in der gewünschten Zeit erleben oder nicht in dem Umfang erreichen." Aber auch die, so Hubert Schwizler, müssen integriert werden. Schule müsste deshalb für ihn völlig neu gedacht werden. Zwar gibt es Schulen, die ganz hervorragende Arbeit leisten, aber oft sei es wie ein Produktionsbetrieb. Die Normen würden immer enger, der Spielraum immer kleiner und dadurch fielen auch immer mehr Kinder durch die Maschen des Systems.

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