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"Großteil der Kindheit verloren"

Psychologe Lüdke über die traumatischen Folgen der Flutkatastrophe für Kinder

Die zerstörerische Kraft der Flutwelle in Südasien hat ganze Landstriche weggespült und Hunderttausende Menschenleben ausgelöscht. Tiefe seelische Einschnitte bleiben aber auch bei den überlebenden Betroffenen zurück. Besonders Kinder sind von der Katastrophe stark belastet. Im Gespräch mit dem ZDF analysiert der Experte Christian Lüdke die psychologischen Auswirkungen bei Kindern und gibt wichtige Ratschläge für Eltern, Freunde und Verwandte.



ZDF: Herr Lüdke, Sie besitzen umfangreiche Erfahrungen aus Hilfe-Gesprächen mit traumatisierten Katatrophen- oder Gewaltopfern. Was ist in der aktuellen Situation das Wichtigste für die Kinder?



Christian Lüdke: Das Wichtigste für die Kinder ist, dass sie viel Ruhe und Abstand haben und dass man ihr Sicherheitsgefühl wieder herstellt. Sie haben ja nicht nur ihre Eltern verloren, sondern sie haben ein Großteil ihrer Kindheit verloren. Es gilt ihnen dieses Stück Kindheit wieder zurück zu geben.


ZDF: Wie lange dauert so eine Therapie?


Lüdke: Kinder zeigen erfahrungsgemäß immer stark verzögerte traumatische Reaktionen, die erst manchmal Wochen oder sogar Monate später auftreten können. Je schneller man Verhaltensauffälligkeiten beobachtet - wenn Kinder beispielsweise verstummen, aggressiv werden oder wieder ins Bett machen - dann sollte man sie fachlich dabei unterstützen.




ZDF: Für wie realistisch halten Sie es, dass dies alles in einem Katastrophengebiet geleistet werden kann?


Lüdke: In einem Katatstrophengebiet sind die Menschen im Prinzip auf sich selbst gestellt. Deshalb ist es wichtig, dass sich das Umfeld - Angehörige, Freunde, Lehrer - sehr intensiv um die Kinder kümmert. Für die Kinder ist es nicht wichtig, was sie erleben, sondern wie sie etwas erleben.


ZDF: Auch wenn Familien wieder zusammengeführt werden - ein Happy End ist das sicher noch nicht?


Lüdke: Nein, eher das Gegenteil. Meist wird es besonders schlimm, wenn der Schock nachlässt. Dann fangen die Schmerzen erst richtig an weh zu tun, die seelischen wie die körperlichen. Auch für die Eltern ist das eine sehr schwierige Situation.
ZDF: Welche Emotionen können die Fernsehbilder bei den Kindern hier in Deutschland auslösen?


Lüdke: Fernsehen ist wie ein Fenster. Wenn Kinder unter zehn Jahren da hinein schauen überfordern diese Bilder ganz einfach, weil sie nicht verstehen können, was dort passiert. Folge ist, dass die Kinder teilweise Schuldgefühle entwickeln, weil sie glauben in irgendeiner Form verantwortlich dafür zu sein. Sie können es eben nicht begreifen.


ZDF: Wie sollten die Eltern das Thema mit ihren Kindern behandeln? Gibt es Hilfestellungen zum verantwortungsvollen Umgang?


Lüdke: Eltern sollten das Thema nur dann mit ihren Kindern behandeln, wenn die Kinder Fragen stellen. Auf keinen Fall sollten die Eltern von sich aus das Thema ansprechen. Eltern, die selbst Angst haben oder durch die Bilder belastet sind, sollten keinesfalls ihre eigenen Ängste vor den Kindern zeigen, da dies die Kinder noch mehr verunsichern würde. Ansonsten ist zu versuchen die Aufmerksamkeit auf schöne Dinge zu lenken.



ZDF: Es ist fast unvermeidlich, dass Kinder mit diesen Bildern konfrontiert werden. Sollten Eltern dennoch den Zugang einschränken?


Lüdke: Wenn es irgendwie geht sollten Kinder - egal welchen Alters - komplett von den Bildern ferngehalten werden. Lässt sich dies nicht vermeiden, sollten die Eltern den Kindern Erklärungen geben und Möglichkeiten eröffnen ihre Belastungen auszudrücken. Zum Beispiel durch Malen, Rollenspiele oder Geschichten.


ZDF: Auf welche Weise kann man den Kindern hier in Deutschland das Gefühl geben, dass auch Sie helfen können.



Lüdke: Kinder haben eine so genannte kindliche Empathie. Das heisst, dass auch kleinste Kinder spüren, dass in der Welt eines anderen Kindes, das sie im Fernsehen sehen, die Welt nicht in Ordnung ist. Sie leiden dann mit. Man kann ihnen vorschlagen ein Bild für ein Kind zu malen oder eine kleine Geschichte zu schreiben. Dadurch haben sie das Gefühl, dass sie helfen können. Ganz wichtig ist es auch den Kindern zu sagen, dass so etwas hier in Deutschland nicht passieren kann. Denn als unmittelbare Folge glauben Kinder, dass Ihnen das auch geschehen könnte.

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