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Wie man Kriege Kindern erklärt

"Das passiert hier und jetzt nicht" - Einschätzungen eines Experten

Vor 60 Jahren endete der Zweite Weltkrieg und damit das Terrorregime Adolf Hitlers. In diesen Tagen, wenn die Medien auf die letzten Wochen des Krieges und des Nationalsozialismus zurückblicken, werden die schrecklichen Bilder von Zerstörung, Völkermord und Vertreibung wieder lebendig und erreichen auch Kinder. Wie sollte man Mädchen und Jungen an dieses Thema heranführen? ZDFonline sprach mit dem Psychotherapeuten Christian Lüdke.


ZDFonline: Wie erklären Sie Kindern, wer Adolf Hitler war?


Christian Lüdke: Ich würde das Thema nur dann aufgreifen, wenn mich das Kind direkt darauf anspricht. Ich würde in einer sehr bildhaften Sprache veranschaulichen, dass Adolf Hitler ein sehr böser Mensch war, dass er sehr viel Leid den Menschen zugefügt hat. Ich würde versuchen, Parallelen aus Geschichten zu ziehen, die dem Kind vertraut sind - zum Beispiel aus Märchen. Auch hier geht es häufig um grausame Erlebnisse, aber Märchen beinhalten immer auch Lösungsansätze.


ZDFonline: Ist es gänzlich ungefährlich, das Thema "Krieg" Kindern zu vermitteln?


Lüdke: Nein. Es besteht die Gefahr, dass Kinder überfordert werden. Wenn das Kind etwas nicht versteht, können Schuldgefühle entwickelt werden und Ängste, dass das, was damals geschah, jetzt wieder - zum Beispiel meiner Familie - passieren kann.


ZDFonline: Wie detailliert sollte man Kindern die Grausamkeiten des NS-Regimes erklären?


Lüdke: Man sollte den Kindern nur oberflächliche Informationen geben. Jedes Detail ist im Grunde genommen ja auch schon für Erwachsene kaum erträglich. Kinder würde es überfordern und Angst machen. Man sollte sagen, dass es einen Menschen Adolf Hitler gegeben hat, dass er sehr, sehr brutal gewesen ist und viele Menschen getötet hat. Kinder können das verstehen, weil sie einen ganz natürlichen Umgang mit dem Tod haben.


ZDFonline: Ist es sinnvoll, die NS-Verbrechen mit anderen, aktuelleren Verbrechen zu vergleichen, um sie Kindern verständlich zu machen?


Lüdke: Es ist sinnvoll, einen Bezug zu aktuellen Ereignissen, die auch Anlässe für Kriege waren, oder zu Menschen, die ähnliche Charakterzüge haben, herzustellen. So lernen die Kinder zu verstehen, zwischen Normal- und Ausnahmesituationen zu unterscheiden. Ganz wichtig ist, den Kindern deutlich zu machen, dass so etwas hier und jetzt nicht passiert.


ZDFonline: Wie wichtig ist der Kontakt zu Zeitzeugen? Gespräche zum Beispiel mit den Großeltern?


Lüdke: Kinder müssen die Vergangenheit begreifen und das Erzählte umsetzen, zum Beispiel indem sie Bilder malen. Am besten können sie die Vergangenheit begreifen, wenn sie mit Oma und Opa darüber sprechen. Die Erlebnisse aus erster Hand zu bekommen, ist ganz wichtig, genauso wie das Zeichen "Ich habe es überlebt". So ein Gespräch zwischen Großeltern und Kind sollte auf jeden Fall einen positiven Ausgang haben.


ZDFonline: Was bedeutet es umgekehrt für die Großeltern, mit ihren Kindern darüber zu reden?



Lüdke: Auch sie können profitieren. Es bedeutet eine Erlebnisaktivierung. Das Bewusstein wird gestärkt, ein schlimmes Ereignis überlebt zu haben.



ZDFonline: Was könnte passieren, wenn die Überlebenden nicht über die schrecklichen Ereignisse sprechen?


Lüdke: Seit fünf Jahren gibt es Studien zu der so genannten "generationsübergreifenden Traumatisierung". Man hat festgestellt, dass sehr viele Menschen, die den Krieg erlebt haben, traumatisiert sind und ihre Traumata an die eigenen Kinder weitergegeben haben. Sie haben nicht darüber gesprochen, um ihre Kinder zu schützen. Kinder spüren, dass mit ihren Eltern etwas nicht in Ordnung ist.


ZDFonline: Wie erkenne ich, wenn ein Kind offensichtlich Schwierigkeiten hat, das Thema NS-Terror zu verstehen?


Lüdke: Das zeigt sich vor allem an zwei Verhaltensauffälligkeiten: Kinder werden aggressiv oder verstummen.


ZDFonline: Wie sollten sich Eltern dann verhalten?


Lüdke: Dann gelten die drei großen "Z": Zeit, Zuwendung und Zärtlichkeit. Körperkontakt ist ganz wichtig. Man sollte dem Kind Sicherheit geben, es trösten, beruhigen und die Angst nehmen. Sprechen Sie für das Kind bestimmte Dinge aus, ohne die schrecklichen Inhalte zu wiederholen. Machen Sie deutlich, dass die Grausamkeiten Ihnen und Ihrer Familie nicht passieren werden.

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