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Das Schicksal der Kinder von Aleppo

Neue Heimat Deutschland

ZDFinfo - Das Schicksal der Kinder von Aleppo

Das Schicksal von Flüchtlingen in seiner ganzen Entwicklung - vom Bürgerkrieg in Aleppo über die Flucht bis hin zu ihrem neuen Leben in Goslar.

Beitragslänge:
84 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 18.05.2017, 15:15
Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2016

Mehr als 1,1 Millionen Flüchtlinge sind im Jahr 2015 nach Deutschland gekommen, darunter Hunderttausende Syrer. Vier von ihnen sind Sara, ihre Geschwister und ihre Mutter. Die Geschichte einer Flucht von Aleppo nach Deutschland.

Sara weiß nicht, ob ihr Vater noch lebt.

Eine Grundschule in Goslar, die Kinder singen zusammen, sehen unbeschwert und glücklich aus. Doch Sara ist mit ihren Gedanken nicht nur in diesem behüteten Klassenzimmer in Deutschland, sie ist in gleichzeitig in Aleppo. Wo sie mit ihrem Vater Bomben gebaut hat, wo sie unter ständigem Beschuss mit ihrer Familie an der Frontlinie gelebt hat.

Ihre einst stolze und schöne Heimatstadt, in der seit vier Jahren Krieg tobt, in der in den vergangenen Tagen der syrische Diktator Baschar al-Assad die letzten Krankenhäuser bombardieren ließ.

Vom Islamischen Staat entführt

Nach der Entführung des Vaters war die Angst zu groß geworden. Die Familie beginnt, zu packen.
Nach der Entführung des Vaters war die Angst zu groß geworden.

Frühjahr 2014. Ihr Vater, Abu Ali Q., ein Kommandant der Freien Syrischen Armee, wird vor den Augen der Kinder und der Mutter Hala, von IS-Kämpfern entführt. Hala ist machtlos, die Kämpfer drohen, sie und ihre Kinder zu erschießen.

Wahrscheinlich haben die IS-Kämpfer Abu Ali ermordet, aber das ist bis heute nicht sicher, Hala erhält immer noch widersprüchliche Nachrichten. Eine unerträgliche Situation für sie:

„Ich bin tot. Seit zwei Jahren tot. Alles Neue muss auf Ruinen gebaut werden und auf den Menschen, die Du in der Vergangenheit verloren hast. Ich habe etwas Großes in mir sterben lassen. Für die Kinder.“

Flucht nach Deutschland

Es geht nur noch darum, wenigstens die Zukunft der Kinder zu retten. Hala beschließt, mit ihren vier Kindern aus Syrien zu fliehen. Nach Deutschland.

Es ist ihnen damals, im Herbst 2014, sehr schwer gefallen, Aleppo zu verlassen. Sie lassen Freunde, Verwandte und ihr bisheriges Leben zurück für ein ungewisses Flüchtlingsschicksal. Sie wissen nicht, ob Abu Ali nicht vielleicht doch noch lebt. An der türkischen Grenze müssen sie in einem Flüchtlingslager ausharren, in Kälte und Matsch, bis sie es endlich schaffen, in die Türkei einzureisen.

Flüchtlingspässe als Lebensretter

Wie fast alle Flüchtlinge kommen auch Sara und ihre Familie über die Türkei nach Europa.
Wie viel Flüchtlinge kommen auch Saras Familie über die Türkei nach Europa.

Deutschland nimmt die Familie im April 2015 in einem Programm für 20.000 syrische Flüchtlinge auf. Sie bekommen einen deutschen Flüchtlingspass und können legal und sicher mit dem Flugzeug aus der Türkei nach Deutschland reisen. Keine lebensgefährliche Schlauchbootfahrt, keine Balkanroute.

Aber trotzdem ein völlig fremdes Land. Sie bekommen ein kleines Haus in Goslar zugewiesen. Die Stadt am Rande des Harzes liegt außerhalb der deutschen Boomregionen. Hier stehen viele Häuser leer, es gibt Platz für Flüchtlinge. Oberbürgermeister Oliver Junk (CDU) wirbt regelrecht um die Flüchtlinge, um seine schrumpfende und überalterte Stadt zu verjüngen. 1975 lebten mehr als 66.000 Menschen in Goslar, heute sind es nur noch 40.000.

Der erste Schultag

Die Geschwister Mohammed, Helen, Sara und Farah kommen in eine deutsche Schule.

Besonders Helen hat vor dem ersten Schultag große Angst, wegen ihres Kopftuchs ausgelacht zu werden. Doch alles läuft gut, sie werden herzlich in ihren neuen Klassen empfangen. „Welcome to Germany“ steht an der Tafel, auch Mohammed, Sara und Farah werden sehr freundlich aufgenommen.

„Ich hätte nie gedacht, schon am ersten Schultag Freunde zu finden“, sagt Mohammed. Auch bei Helen läuft es gut, schon nach wenigen Wochen trägt sie kein Kopftuch mehr, hat neue Freunde gefunden und lernt schnell deutsch. Nach einem Jahr hat sie sich zu einem ganz normalen deutschen Teenager entwickelt, weiß ihre neue Freiheit zu schätzen: „Als Mädchen hast Du keine Freiheit in Syrien, aber hier in Deutschland schon. Hier wird ein Mädchen nicht beherrscht, sie ist frei.“ Auch die Grundschülerinnen Sara und Farah leben sich gut in ihren Schulklassen ein.

War die Flucht ein Fehler?

Ihr Bruder Mohammed dagegen will seine syrische Identität nicht aufgeben und liest viel im Koran. „Manchmal denke ich, es war falsch, nach Deutschland zu kommen, dass wir in unserem Land hätten bleiben sollen. Auf jeden Fall werde ich in mein Land zurückkehren, egal ob es wieder aufgebaut ist oder nicht.“

So unterschiedlich sie sich in Deutschland entwickelt haben, alle vier Kinder sind ihren Eltern dankbar, so Helen: „Papa hat alles in seinem Leben geopfert - für sein Heimatland und für uns. Und Mama hat uns die letzten zwei Jahre ausgehalten.“ Sie weiß jetzt wirklich um den Wert von Vater und Mutter, sagt sie, und um den Wert ihrer Heimat.

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