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Die Frauen des 20. Juli 1944

Die Schicksale der Attentäter-Familien

Von ihnen ist fast nie die Rede, wenn es um den Widerstand gegen Hitler und das Attentat vom 20. Juli 1944 geht: die Frauen der Verschwörer. Als der Staatsstreich der Männer um Claus Schenk Graf von Stauffenberg gescheitert war, rächte sich das Regime nicht nur an den beteiligten Offizieren - sondern auch an ihren Familien. Ihre Ehefrauen wurden in "Sippenhaft" genommen, die Kinder in von der Gestapo kontrollierte Heime gesteckt.

Himmlers Ankündigung, die "Sippen" der Attentäter "bis ins letzte Glied auszurotten", war keine leere Drohung. Während die NS-Wochenschau Bilder von Treuekundgebungen für Hitler zeigte, rollte Himmlers Vergeltungsaktion an: 400 Gestapo-Beamte nahmen in diesen Wochen mehr als 600 Männer und Frauen fest, Schauprozesse wurden vorbereitet.

Nina von Stauffenberg

Zwei Tage nach dem Attentat verhaftete die Gestapo Nina Gräfin Schenk von Stauffenberg. Sie war damals 31 Jahre alt, verbrachte gerade die Sommerferien mit den vier Kindern auf dem Landsitz der Familie im schwäbischen Lautlingen. Morgens im Radio erfuhr sie, dass ihr Mann einer der Attentäter war und dass er noch in der Nacht des Attentats hingerichtet wurde. Im Verhör leugnete sie jegliche Kenntnis über die Attentatspläne, verleugnete sogar gegenüber den Kindern die Loyalität gegenüber ihrem Mann. "Ich habe zu ihrem und zu meinem Schutz gesagt, dass er sich geirrt hätte."

Marion Yorck

Auch ihr Mann stand vor dem Volksgerichtshof der Nationalsozialisten. Peter Graf Yorck von Wartenburg. Er war ein Cousin Stauffenbergs und Kopf des "Kreisauer Kreises", einer Oppositionsgruppe, die sich im schlesischen Kreisau traf. Marion Yorck wurde der Zutritt zum Gerichtssaal untersagt. Während sie vor dem Saal ausharrte, erfuhr sie von dem Todesurteil gegen ihren Mann. Zwei Tage nach seinem Tod wurde auch sie festgenommen und kam ins Gefängnis Berlin-Moabit. Dort saß sie drei Monate in Haft.

Ingeborg Seydlitz

Im April 1944 verurteilte der Volksgerichtshof General Walther Seydlitz "in Abwesenheit" zum Tode. Wenige Wochen später verhaftete die Gestapo seine Frau, Ingeborg Seydlitz, sowie zwei ihrer vier Kinder. Die beiden jüngeren Kinder blieben zurück und wurden in ein Kinderheim in Bad Sachsa im Südharz gebracht. Dort "verwahrte" man sie vorerst. Isoliert von der Familie, mit einem neuen Namen, sollten sie ihre frühere Identität vergessen. Insgesamt wurden 47 Kinder nach dem Hitler-Attentat in Bad Salza untergebracht.

Familie Goerdeler

Sippenhaft - auch für die Angehörigen von Carl Friedrich Goerdeler, der als führender Kopf des zivilen Widerstandes galt. Doch das Todesurteil wurde nicht sofort vollstreckt. In der Haft erfuhr er, dass seine ganze Familie verhaftet worden war. Verzweifelt hinterließ er ihnen die Zeilen: "Wie haben sie mich mit Eurem Schicksal gequält." Seine Frau und die älteste Tochter Marianne kamen im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig in Haft. Hier wurden die meisten so genannten Sippenhäftlinge festgehalten: die Verwandten Goerdelers, Stauffenbergs - und die von anderen Verschwörern.

Annedore Leber

Annedore Leber war die Frau eines der erbittertsten Gegner Hitlers. Julius Leber wurde im Oktober 1944 zum Tode verurteilt. Sein Frau kämpfte um das Leben ihres Mannes, fuhr nach Berlin und bat bei der Gestapo um Gnade. Zwar gelang es ihr, die Hinrichtung hinaus zu zögern, verhindern konnte sie sie nicht. Am 5. Januar 1945 wurde ihr Mann hingerichtet.

Eva Maaß

Familie Maaß

Nach der Hinrichtung von Hermann Maaß, der in Kontakt zu der Widerstandsgruppe "Kreisauer Kreis" stand, erlag auch seine Frau Eva kurz darauf einer schweren Rippenfell- und Lungenentzündung. Zurück blieben sechs minderjährige Kinder.

Die Frauen und Familien des 20. Juli kehrten nach Kriegsende zurück in ein zerstörtes Deutschland. Sie waren zwar frei, trafen aber auf eine Gesellschaft, die von ihrem Schicksal und ihrem Leid nichts hören wollte. 1952 befreite das Braunschweiger Gericht die Männer des 20. Juli vom Stigma des Verrats - für die Öffentlichkeit blieben ihre Familien noch lange Angehörige von Vaterlandsverrätern. Erst seit 1984, zum 40. Jahrestag des Attentats, gilt der 20. Juli als fester, positiver Bezugspunkt im Geschichtsbewusstsein der Deutschen.

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