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Arbeitsplatz mit Verwesungsgeruch

Der harte Job des Tatortreinigers

ZDFinfo - Arbeitsplatz mit Verwesungsgeruch

Dieser Job ist nichts für schwache Nerven: Tatortreiniger. Sie werden gerufen, wenn Leichen länger gelegen haben. Denn der Tod hinterlässt hässliche und übelriechende Spuren und zieht Ungeziefer an.

Beitragslänge:
13 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 16.06.2017, 07:20
Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2012
Altersbeschränkung:
Freigegeben ab 12 Jahren

Niemand hat Peter Anders gezwungen, diesen Job zu machen. Er macht ihn einfach, und beklagt sich nicht. Die Bilder und Gerüche am Tatort - oft grausam und kaum zu ertragen - für Peter Anders und sein Team sind sie Alltag.

Wenn Bestatter und Polizei gegangen sind, bleiben die Spuren des Todes zurück: Leichenflüssigkeit, Blut, Schädlinge, ein beißender Verwesungsgeruch. Die Angehörigen sind angesichts des Unglücks oft hilflos und wissen nicht, was zu tun ist. Peter Anders nimmt ihnen die Arbeit ab und hat daraus ein Geschäft gemacht: "Die Leute rufen uns an, weil sie vor einem echten Problem stehen, das man mit handelsüblichen Reinigungsmitteln nicht in den Griff bekommt."

Dazu kommt die psychische Belastung: "Die Angehörigen sind oft in einer Verfassung, das kann man gar nicht beschreiben. Wenn ich in einer vergleichbaren Situation wäre, ich würde auch nicht putzen wollen."

Putzen oder putzen lassen

Polizisten
Polizisten Quelle: dpa

Psychotherapeutin Friedegunde Bölt: "Wenn Sie einen nahen Angehörigen verlieren und die ganze Wohnung ist mit Insekten kontaminiert und überall ist Blut eingesickert - diese Bilder und Gerüche bleiben sehr lange haften. Es ist dann auch eine Typ-Frage: Manche brauchen das und wollen unbedingt selbst sauber machen. Für den Trauerprozess ist es aber oft besser, auf anderem Weg Abschied zu nehmen. Es geht auch darum, sich vor Überflutung zu schützen."

Nicht immer geht es beim Job der Tatortreiniger um Mord und Totschlag. Heute ist Anders auf dem Weg zu einer Wohnung in München. Eine ältere Frau hat dort mehrere Wochen tot im Badezimmer gelegen. Die Nachbarn hatten sich nach einiger Zeit über den Gestank beschwert. Solche Einsätze machen etwa 70 Prozent seiner Arbeit aus: "Bei Leichen, die lange gelegen haben, gibt es einen massiven Befall mit Fliegen-Käfern und Maden, der Einsatzschwerpunkt ist da sicher die Schädlingsbekämpfung."

Das Geschäft mit den Toten

Anders war schon mehrmals in der Wohnung, heute steht noch die Endreinigung an. Obwohl die Wohnung komplett ausgeräumt und gesäubert ist: Im Bad riecht es immer noch nach Leiche. Den Anblick und Geruch von solchen Einsatzorten ist Peter Anders schon gewohnt - seit 25 Jahren als Rettungssanitäter der Feuerwehr. Seit 1997 betreibt er eine Schädlingsbekämpfungsfirma. Seine Ausbildungen und Erfahrungen kamen ihm zugute, als er sich 2005 auf die Reinigung von Leichenfundorten spezialisierte. Damals war der Job noch eine Marktlücke. Heute gibt es eine Vielzahl von selbst ernannten Tatortreinigern in Deutschland. Sie alle wollen am Geschäft mit den Toten verdienen. Für die Komplettreinigung einer Leichenwohnung fallen schnell mehrere tausend Euro an.

Doch nicht alle Tatortreiniger arbeiten wirklich sauber. Um das Geschäft anzukurbeln, jagen einige Unternehmen potenziellen Auftraggebern auf ihren Internetseiten Angst ein. Von "gefährlichem Leichenbrand durch austretende Körperflüssigkeiten, der professionell beseitigt werden müsse" ist da beispielsweise die Rede. Dr. Markus Schimmelpfennig, Leiter der Hygieneabteilung im Gesundheitsamt der Region Kassel, hat für solche Aussagen wenig Verständnis: "Der Begriff Leichenbrand bezeichnet die Reste von verbrannten Leichen. Entweder die Personen kennen die Bedeutung der Begriffe wirklich nicht oder sie verwenden sie, um unnötig zu dramatisieren." Frei nach dem Motto: Nur ein verängstigter Kunde, ist ein (guter) Kunde.

An Tatorten lauern Gefahren

Dabei lauern an Tatorten auch echte Gefahren. Wer kontaminierte Flächen reinigen will, muss deshalb wichtige Hygieneregeln beachten, zum Schutz für sich und andere. Das wissen auch die Tatortreiniger Alexander Langfeld und Herbert Ludwig in Kassel. Die beiden erwartet heute eine besonders schwere Aufgabe: Ein Mann hat sich in seinem Auto erschossen, der ganze Fahrersitz ist voller Blut und Gehirnmasse. Im Auftrag eines Autohauses soll das Fahrzeug komplett gereinigt werden.

Herbert Ludwig: "Wir müssen das Auto so übergeben, dass keine gesundheitlichen Risiken für den Nachbesitzer bleiben. Und natürlich soll auch optisch nichts mehr von dem Suizid zu sehen sein." Bevor sich die beiden an die Arbeit machen, ziehen sie Ganzkörper-Schutzanzüge, Atemmasken und Handschuhe an, denn über ansteckende Krankheiten des Toten ist nichts bekannt.

Keine verbindliche Ausbildung

Solche und andere Regeln zur Reinigung von kontaminierten Flächen stehen auch im Infektionsschutzgesetz und in den Hygienerichtlinien des Robert-Koch-Instituts. Leider halten sich nicht alle Tatortreiniger an solche Vorgaben - und dann kann es gefährlich werden. Dr. Markus Schimmelpfennig befürwortet darum eine verbindliche Doppelausbildung für Tatortreiniger: "Die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt. Jeder kann sich so nennen. Wir vom Gesundheitsamt befürworten, dass Tatortreiniger Ausbildungen als staatlich anerkannter Desinfektor und als staatlich anerkannter Schädlingsbekämpfer absolvieren".

Tatortreiniger Peter Anders kann da nur zustimmen: "Für diesen Job muss man schon ein kleines Multitalent sein. Denn neben den fachlichen Qualifikationen sollte man auch pietätvoll im Umgang mit den Angehörigen sein und wissen, wie man mit der eigenen Belastung umgeht." Dort, wo noch vor ein paar Wochen die Leiche gelegen hat, bohrt Anders jetzt die Badewannen-Fließen und den Estrich ab. Nachdenken will er darüber nicht.

"Reden, reden, reden" für den Ausgleich

"Tatorte ohne Leichen regen natürlich in besonderem Maße die Fantasie an", sagt Trauma-Expertin Friedegunde Bölt. "Man fragt sich: Was war das für ein Mensch, der hier gelebt hat? Aber da muss man distanzieren können". Die Expertin kennt eine ganze Reihe von Strategien und Techniken, um Belastungsstress zu verarbeiten und für den nötigen Ausgleich zu sorgen: "Psychologen nennen das Ressourcen einsetzen: Dazu zählen Hobbys ausüben, Sport treiben, Bekannte und Freunde treffen, und mit der Familie reden."

"Reden, reden, reden", so sorgt auch Peter Anders für den nötigen Ausgleich. Seine Erfahrungen und Erlebnisse hat er in einem Buch verarbeitet ("Was vom Tod übrig bleibt", erschienen im Heyne-Verlag). Außerdem hat er sich feste Rituale zugelegt: "Eines davon ist, mit meinem Team nach getaner Arbeit essen zu gehen."

Manche Spuren verschwinden nie

Die letzten Estrich-Stücke verschwinden in einem Müllsack. Zu guter Letzt besprüht Anders den Leichenfundort mit Wasserstoffperoxid. Kein Zaubermittel, sondern simple Chemie: "Bei der Reaktion mit Leichenflüssigkeit werden Sauerstoffatome abgespalten. Damit verändern sich die Geruchsmoleküle." Statt nach Leiche soll das Badezimmer wieder neutral riechen.

Auch Alexander Langfeld und Herbert Ludwig haben den gröbsten Teil der Arbeit hinter sich. Das Auto sieht tatsächlich aus wie neu. Um den verbliebenen Geruch loszuwerden, kommt bei ihnen ein Ozon-Gerät zum Einsatz. Schon bald will der Auftraggeber das Auto wieder verkaufen. Auch wenn die Tatortreiniger mit ihrem Ergebnis voll zufrieden sind, kaufen würden sie den Wagen nicht, sagt Herbert Ludwig: "Weil man emotional davon natürlich nicht frei ist, wenn man die Vorgeschichte kennt. Könnte schon sein, dass man sich dann beim Fahren immer vorstellt: Mensch, hier ist jemand zu Tode gekommen." Manche Spuren, so scheint es, können auch Tatortreiniger nicht verschwinden lassen.

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