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Gefährliche Pillen

Das Geschäft mit Vitaminen & Co.

Die Regale in Drogerie- und Supermärkten sind voll davon: Gegen jedes erdenkliche Leiden oder was dazu werden könnte, gibt es ein Mittel. Doch nutzen diese wirklich oder schaden sie mehr?
Die Dokumentation untersucht die versteckten Gefahren von Vitaminen und Nahrungsergänzungsmitteln. Das Geschäft mit Vitaminen und Co. ist zum Beispiel in den USA inzwischen eine Multi-Milliarden-Dollar-Industrie, allerdings mit nur begrenzter Aufsicht.

Milliarden nimmt die Branche jedes Jahr mit Vitaminprodukten und Pflanzenextrakten ein. Die Hersteller profitieren vom guten Ruf der angeblich lebenswichtigen Pillen. Glaubt man den Versprechen, sollen die Nahrungsergänzungsmittel die Leistungsfähigkeit steigern, das Immunsystem stärken oder einfach das Wohlbefinden verbessern.

Stress im Alltag, schlechtes Gewissen, einseitige Ernährung – das sind die Hauptgründe, weshalb ein Drittel aller Deutschen diese Pillen schluckt. Sie hoffen auf mehr Vitalität, Aktivität und Wohlbefinden. Doch dass sie der Gesundheit tatsächlich nützen, ist wissenschaftlich nicht bewiesen. Die Präparate, die in Drogerien und Supermärkten ganze Regale füllen, sind ihrer Definition nach keine Arzneimittel, sondern Lebensmittel. „Demnach dürften sie eigentlich gar keine pharmakologische Wirkung haben. Unbedenklich sind sie deshalb aber nicht“, sagt Ernährungsexpertin Dr. Brigitte Bäuerlein. Neben Vitaminen und Mineralstoffen enthalten Nahrungsergänzungsmittel eine Vielzahl weiterer Substanzen, zum Beispiel Aminosäuren, Ballaststoffe, Lipide, Probiotika und sogenannte sekundäre Pflanzenstoffe.

Unterschiede zu Medikamenten

Gemäß der Nahrungsmittelergänzungsverordnung (NemV) ist ein Nahrungsergänzungsmittel ein Lebensmittel, das dazu bestimmt ist, die allgemeine Nahrung zu ergänzen, ein Konzentrat von Nährstoffen oder sonstigen Stoffen mit ernährungsspezifischer oder physiologischer Wirkung, in dosierter Form zur Aufnahme in abgemessenen kleinen Mengen. Die NemV legt fest, welche Vitamine und Mineralstoffe zugesetzt werden dürfen. Für sonstige Stoffe wie Aminosäuren oder Ballaststoffe gelten jeweils die nationalen Bestimmungen.

Da Nahrungsergänzungsmittel in Form von Kapseln, Tabletten, Flüssigampullen und einzeldosierten Pulvern verpackt sind, sehen sie Arzneimitteln sehr ähnlich. Im Gegensatz zu Arzneimitteln sollen Nahrungsergänzungsmittel allerdings nur zur "Reduktion eines Krankheitsrisikos" eingesetzt werden, bestimmte Arzneimittel werden zur "Prävention einer Krankheit" eingesetzt. Der Unterschied ist schwer erkennbar. Der Körper kann übrigens nicht zwischen natürlichen und synthetischen Vitaminen unterscheiden. Die chemische Strukturformel von beispielsweise Vitamin C ist festgelegt und sieht im Apfel nicht anders aus als das Vitamin C im Labor. Aber es ist anders „verpackt“ und vor allem entfaltet zum Beispiel ein Apfel seine gesundheitsfördernde Wirkung nicht über das Vitamin an sich, sondern über zahlreiche weitere Inhaltsstoffe. „Die Einnahme von einer Tablette Vitamin C ist meilenweit von der Wirkung der eines Apfels entfernt. Eine Multivitaminkapsel ist eben kein zusammengepresster Obstkorb“, gibt Bäuerlein zu bedenken. An einer abwechslungsreichen Ernährung gehe also kein Weg vorbei.

Das bietet der Markt

Bunte Tabletten auf Teller und Löffel
Nahrungsergänzungsmittel Quelle: imago

Nahrungsergänzungsmittel dürfen überall verkauft werden, wovon vor allem der Einzelhandel Gebrauch macht. So finden sich entsprechende Zusätze in Discountern, Drogeriemärkten, Reformhäusern und Apotheken. Eine kaum noch überschaubare Anzahl an Produkten wirbt in den Regalen der Supermärkte um die Gunst des Kunden und vermittelt so den Eindruck, dass eine ausreichende Nährstoffzufuhr nur mit traditionellen Lebensmitteln heute nicht mehr möglich ist.

Dabei versorgt eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung den gesunden Körper mit allen lebenswichtigen Stoffen. Deswegen kommt beispielsweise auch das Bundesinstitut für Risikobewertung zu dem Schluss, dass Nahrungsergänzungsmittel in den meisten Fällen überflüssig sind. Zum gleichen Schluss kommt auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Wer tatsächlich eine gezielte Vitaminzufuhr benötige, solle der Apotheke den Vorzug geben, empfiehlt Dr. Brigitte Bäuerlein. Das Ergänzungsmittel solle möglichst ein hochwertiges Präparat aus natürlichen Grundstoffen sein. Nicht alle Präparate seien von guter Qualität.

Gefährliche Überdosierung

Gefährliche Überdosierungen sind möglich. Bedenklich sind die fettlöslichen Vitamine E, D, K und A. Diese können sich im Körper anreichern und die Organe schädigen. Zuviel Vitamin A oder ß-Carotin kann bei Rauchern Lungenkrebs begünstigen oder zu Gelbsucht führen. Zuviel Vitamin C kann Nierensteine und Durchfall begünstigen. Vitamin E in großen Mengen hemmt die Blutgerinnung. Die chronisch vermehrte Aufnahme von Eisen hingegen kann die Leber schädigen. „Wer täglich Kombinationspräparate schluckt, macht das eigene Immunsystem faul“, warnt die Ernährungsexpertin.

Die verschiedenen Wirkstoffe behindern sich gegenseitig bei der Verwertung. Zum Beispiel benutzen Eisen, Zink und Kupfer den gleichen Weg bei der Nährstoffverwertung: Werden diese Mineralien gemeinsam aufgenommen, ist die Verwertung nicht optimal. Hinzu kommen noch die Vitamine, die man ohnehin schon über die normale Ernährung aufnimmt. Bei Vitamin D kann eine Überdosis zu Herzrhythmusstörungen, Kopfschmerzen bis hin zu Übelkeit und Erbrechen führen. Auch eine chronische Müdigkeit kann ein Anzeichen für eine Hypervitaminose sein. Vitamin K wirkt negativ bei Menschen, die Blutgerinnungshemmer einnehmen, da dieses Vitamin die Blutgerinnung erhöht. Genauso problematisch können auch Pflanzenextrakte wie die aus dem Ginkgobaum wirken, auch diese haben einen Einfluss auf die Blutgerinnung und können Magen-Darm-Blutungen auslösen. Glucosamine werden oft als gelenk- und knorpelstärkende Präparate angeboten, diese können in Verbindung mit Blutgerinnungshemmern ebenfalls Blutungen begünstigen. Auch zu viel Omega-3-Fettsäuren verdünnen das Blut. Pflanzenöstrogene aus beispielsweise Rotklee oder Sojaextrakten stehen sogar im Verdacht, familiär bedingten Brustkrebs zu begünstigen.

Bekannte Ausnahmen

Obstteller
Vitamine sollten über die natürliche Ernährung aufgenommen werden. Quelle: ZDF

Menschen leiden in der heutigen Zeit meist nicht an einem Nährstoffmangel, sondern nehmen mehr Vitamine zu sich, als die derzeitigen Empfehlungen vorsehen. In bestimmten Fällen ist die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln jedoch sinnvoll. So kann eine einseitige oder unzureichende Ernährung dazu führen, dass zu wenige essentielle Nährstoffe aufgenommen werden. Auch Allergien grenzen die Speisenauswahl ein und damit das Angebot an Nährstoffen. Gerade gegen Ende des Winters haben die meisten Menschen einen Vitamin-D-Mangel. Hier gilt: 20 Minuten pro Tag sollte man sich im Freien aufhalten, auch bei bedecktem Himmel. Im Zweifel sollte man den Vitamin-D-Spiegel beim Arzt messen lassen, da er wichtig für die Knochen ist.

Ebenfalls zu beachten: In der Schwangerschaft und Stillzeit ist der Bedarf an bestimmten Nährstoffen wie Folsäure erhöht. Ebenso kann bei älteren Menschen die Versorgung mit essentiellen Nährstoffen wie Calcium ungenügend sein. Auch chronisch Kranke können einen erhöhten Bedarf an essentiellen Nährstoffen haben. In solchen Fällen hilft eine Absprache mit dem behandelnden Arzt.

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