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Interview mit Gunnar Dedio

"Wissen wir nicht alles darüber? "

„Die Wahrheit über den Holocaust“ schildert nicht nur den Mord an den europäischen Juden, sondern zeigt auch die Aufarbeitung nach dem Zweiten Weltkrieg, die lange und schwierige Vergangenheitsbewältigung in Deutschland, Europa und Israel.

Wie kamen Sie an die Thematik?

Vor vier Jahren rief mich mein französischer Kollege Pawel Rozenberg an und schlug mir vor, mich an einem neuen, großen Dokumentarfilmprojekt zu beteiligen: einer achtteiligen internationalen Dokumentarfilmserie über die Geschichte der Vernichtung der Juden in Europa im Rahmen einer französisch-deutsch-israelischen Koproduktion.

Ich habe zunächst etwas verhalten reagiert und habe mich gefragt: Ist das Thema nicht überstrapaziert? Wissen wir nicht alles darüber? Ist es nicht so, dass viele von uns es eigentlich gar nicht mehr hören können? Auf der anderen Seite habe ich mich nicht getraut, meine Bedenken direkt und offen auszusprechen, weil ich als Deutscher, als Enkel von Großeltern, die in dieser Zeit gelebt haben, mit einem Juden polnischer Herkunft spreche, der mein Produzentenkollege ist.

Dann erklärte mir Pawel Rozenberg aber detaillierter, worum es ihm ging: Er wollte diese Geschichte unter neuen Aspekten, mit neuen Forschungsergebnissen, mit neuen Fakten, auf eine neue Art und Weise erzählen. Gerade weil es eine gewisse Müdigkeit gegenüber diesem Thema gibt, ist es ihm ein großes Anliegen, den Menschen, den Zuschauern zu zeigen, dass sie bei weitem nicht alles wissen und dass es viele Aspekte gibt, die bis heute unerzählt sind.

Also hab ich eingeschlagen und gesagt: Wir machen das zusammen. Es war kein einfacher Weg, für dieses Dokumentarfilmprojekt weitere Partner zu finden. Die erste skeptische Reaktion, die ich bei mir selber beobachtet habe, die haben auch andere gezeigt, die ich für „Die Wahrheit über den Holocaust“ gewinnen wollte. Aber peu à peu haben sich schließlich weltweit eine ganze Reihe der großen renommierten Sender an der Serie beteiligt.

In Deutschland ist unser Koproduktionspartner ZDFinfo, ein Doku-Kanal mit enormem Erfolg, der mit „Die Wahrheit über den Holocaust" eine erste internationale Koproduktion eingegangen ist. Jetzt, vier Jahre später, ist die Reihe fertig, und ich sehe, dass alle Hoffnungen eingelöst wurden. Wenn ich mir die Filme anschaue, bin ich immer noch sehr bewegt. Ich erfahre unglaublich viel Neues. Vieles habe ich eben nicht gewusst. Aspekte, die ich nicht für nicht für möglich gehalten hatte. Ich bekomme diese Geschichte erzählt, nicht nur für den Zeitraum 1933 bis 1945. Wir beginnen mit der Erzählung weit vorher und führen sie bis zum heutigen Tag. Und wir erzählen nicht nur aus deutscher Perspektive, sondern öffnen den Blick für eine gesamteuropäische, eine globale Betrachtung.


Welche Aspekte ließen Sie den Kopf schütteln? Was war für Sie so neu und überraschend?

Ich will Ihnen ein Beispiel nennen: Gleich zu Beginn der Reihe ist eine Konferenz in Evian ein Thema. 1938 trafen sich dort fast alle Staaten dieser Welt, um darüber zu diskutieren, ob und wie viele Juden, die aus Deutschland ausreisen wollten, sie aufnehmen? Auch sprach man über eine Art Quote, die regeln sollte, welches Land wie viele Menschen aufnehmen könnte. Das Ergebnis der Evian-Konferenz: Die Staaten der Welt einigten sich - auf die Quote NULL: Niemand war bereit, Juden aufzunehmen. Niemand wollte Juden im Land haben. Erschütternd und erschreckend.

Noch ein Beispiel führt uns ins Hier und Jetzt: In Teil acht zeigen wir von eine Demonstration von Holocaust-Überlebenden in Israel, die für eine Rente auf die Straße gingen, in dem Land, welches sie letztendlich mit begründet haben. Diese Menschen baten um wenig Hilfe, damit sie ihre letzten Lebensjahre und -monate finanzieren können. Unsere Reihe betrachtet auch die Zeit nach dem Krieg, sie widmet sich der Aufarbeitung, aber auch dem Schweigen und dem Unvermögen, sich der Vergangenheit zu stellen. Für die Überlebenden begann eine neue Geschichte, die geprägt war von Schweigen und Schuldgefühlen.


Wie hat sich die Zusammenarbeit zwischen Fankreich, Deutschland und Israel gestaltet?

Es ist doch eine außergewöhnliche Konstellation zu diesem Thema. Pawel Rozenberg war es von Anfang an wichtig, die Reihe aus historischem Anlass als eine französisch-deutsch-israelische Koproduktion zu gestalten. Auf der einen Seite war es für mich höchst interessant, die Geschichte aus anderer Perspektive erzählt zu bekommen, aus nicht deutscher Perspektive. Da wird vieles formuliert und geschildert, wie ich es aus deutscher Perspektive nicht erzählen würde und wollte.

Es war für mich eine wichtige Erfahrung, festzustellen, wie stark mich die Geschichte einholt. Ich habe in den vergangenen zwanzig Jahren mehr als hundert Filmprojekte betreut und vieles Bewegende erlebt. Aber in diesem Projekt sitze ich mit einem jüdischen Regisseur und Autor im Schneideraum, mit einem jüdischen Produzenten und wir sichten stundenlang Bilder, die dokumentieren, was letztlich auch meine Vorfahren angerichtet haben. Da fällt es mir extrem schwer, einen professionellen Abstand zu wahren. Ich bin in diesem Moment nicht nur Produzent, ich bin in diesem Moment einfach auch Deutscher, Nachfahre von Menschen, die in dieser Zeit gelebt haben und in irgendeiner Form an dem Schrecklichsten beteiligt waren. Ich sitze gegenüber Nachfahren der Menschen, die durch deutsche Schuld einen Teil ihrer Familie verloren haben, deren Familienmitglieder umgebracht wurden. Ich erlebe selber einen Prozess der Konfrontation und der Aufarbeitung. Die „Wahrheit…“ ist daher ein sehr persönliches Projekt.


Wie würden Sie Ihren Erzählansatz beschreiben?

Wir erzählen die Geschichte in einem vielstimmigen Chor: 60 aus unserer Sicht führende Historiker, Autoren, Zeitzeugen aus aller Welt kommen zu Wort, die einen Großteil ihres Lebens diesem Thema gewidmet haben. Sie erzählen uns aus den unterschiedlichsten Perspektiven diese Geschichte - diese Geschichten. Dabei vollendet ein jeder den Satz des anderen, gern auch durch etwas Gegensätzliches. Eine Perspektive kommt zur nächsten. So entsteht eine vielstimmige Erzählung, die wir mit Archivmaterial aus allen Jahrzehnten verbunden haben – von den zwanziger Jahren bis heute.

Wir haben mit Archivmaterial gearbeitet, das ich zuvor noch nie gesehen hatte. Bilder, die mich sehr bewegen und die mir im Gedächtnis haften bleiben. Bilder, über die Zuschauer nicht einfach hinweggehen können. Bilder, die hoffentlich gerade noch erträglich sind, um die Zuschauer nicht zu verjagen. Das ist eine schwierige Gratwanderung. Wir erzählen schonungslos und wollen die Zuschauer doch halten, um ihnen diese Geschichte zu Ende erzählen.


Wie wichtig ist aus ihrer Sicht diese Reihe gerade im Hinblick aufkeimenden Antisemitismus in Europa?

Ich finde es aus verschiedenen Gründen extrem wichtig, sich mit dieser Geschichte auseinander zu setzen. Einer ist die Aktualität: Ich beobachte eine Vermischung von Kritik an der derzeitigen israelischen Regierung mit Antisemitismus, die für sehr gefährlich halte. Auf der anderen Seite sehe ich, dass wir nach wie vor auf einem Planeten leben, auf dem uns Krieg und Mord in großem Umfang leider fast kontinuierlich begleiten. Es macht mich hilflos, all die Greultaten in den Nachrichten zu sehen und keine Antwort auf die Frage zu haben, wie soll ich reagieren, was kann ich tun, um zu helfen. Umso wichtiger erscheint es mir, dass wir uns bewusst mit der Geschichte befasse n und uns damit auseinandersetzen, was alles passieren kann, wenn man wegschaut oder aus Angst und Hilflosigkeit handelt.

Wie schaffen Sie erzählerische Balance zwischen unserer Generation und der jungen Generation?

Es ist in der Tat schwierig, eine Balance zu finden – zwischen denen, die bis zu einem Gefühl der Übersättigung vom Holocaust gehört haben, und einer ganz jungen Generation, die nicht in gleicher Art und Weise damit konfrontiert wird. Ich hoffe, dass uns das gelungen ist, indem wir für die, die glauben, vieles oder alles zu wissen, die Geschichten aus mehreren neuen Perspektiven erzählen. Wir erzählen keine deutsche, sondern eine europäische Geschichte, die sich bis in die Gegenwart erstreckt. Auf der anderen Seite setzen wir nichts voraus. Wir erzählen auch für die, die keine oder wenige Vorkenntnisse haben. Wir erzählen die Fakten auf eine Art und Weise, die es ihnen erlaubt, die Geschichte nachzuvollziehen.

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