Sie sind hier:

Luxusliner der Arbeiterklasse

Kreuzfahrt in der DDR

ZDFinfo - Luxusliner der Arbeiterklasse

Sie waren sozialistische Inseln des Glücks im Meer des Kapitalismus: die Urlauberschiffe der DDR. Etwa 280 000 DDR-Bürgern war es vergönnt, eine für DDR-Verhältnisse teure Seefahrt zu unternehmen.

Beitragslänge:
44 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 06.10.2017, 11:30
Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2015

Drei Urlauberschiffe hielt die DDR unter Dampf: Wer es an Bord geschafft hatte, erlebte ein Gefühl der grenzenlosen Freiheit, das im Alltag kaum einer kannte.

Hinter dem Leuchtturm von Warnemünde war seit dem Mauerbau die Welt für die meisten DDR-Bürger zu Ende. Mit dem Kreuzfahrtschiff durchfuhren sie die unsichtbare, nahezu unüberwindbare Sperrzone auf See. Etwa 300.000 Bürger schickte das kleine Land in drei Jahrzehnten auf große Fahrt. Einige gewannen die Reise im Lotto oder kauften sie im Reisebüro, aber die meisten Passagiere wurden von ihren Betrieben delegiert, als Auszeichnung für gute Arbeit. Vom einfachen Arbeiter bis zum Professor waren alle Berufsgruppen vertreten.
Aber auch einige tausend Westdeutsche schifften sich auf den DDR-Urlauberschiffen ein. In den 80er Jahren warb das Reiseunternehmen TUI in Katalogen für einen Urlaub auf dem Ostschiff "Arkona" . Das ehemalige ZDF-Traumschiff war ein Millionenpublikum in Ost und West als "Astor" bekannt.

"Völkerfreundschaft" fährt noch immer als "Azores" über die Meere

Auf kein anderes Schiff träumten sich mehr DDR Bürger als auf die "Völkerfreundschaft". Sie war das erste Urlaubsschiff der DDR .

Das heute als "Azores" unter portugiesischer Flagge fahrende Schiff gilt mit fast 70 Jahren als ältestes Kreuzfahrtschiff der Welt. DDR Kapitän Gerd Peters erinnert sich: Das Schiff hat die DDR 1960 von den Schweden gekauft. Ein weltberühmtes Unglücksschiff. Als "Stockholm" rammte es 1956 im Nebel die "Andrea Doria". Der italienische Luxusliner ging unter. 51 Menschen starben.
Nachdem die DDR 1961 die Grenzen dicht gemacht hatte, wurden risikoreiche Routen aus dem Programm genommen, Reisekandidaten im Vorfeld von der Stasi überprüft. Das russische Murmansk war Zielhafen, als Lutz Grävinghoff 1966 mit an Bord ging mit nur einem Ziel : er wollte flüchten. Nahe der Insel Fehmarn gelang ihm der mutige Sprung. Sein Bruder, der schon im Westen war, hatte den Bundesgrenzschutz informiert. Der fischte ihn aus dem Wasser. Insgesamt 233 Menschen gelang die Flucht von einem DDR Kreuzfahrtschiff. Wie viele wieder rausgefischt oder gar ertrunken sind, ist nicht dokumentiert.

Blockadebrecher in der Kuba Krise

Einmal stand die "Völkerfreundschaft" sogar im Mittelpunkt des Weltgeschehens. Im Oktober 1962 – als die Amerikaner einen Blockadering um Kuba zogen, weil sie Raketenstützpunkte der Sowjets auf der Insel entdeckt hatten. In diese weltpolitische Krise hinein fuhr das DDR Kreuzfahrtschiff mit 700 Menschen an Bord. Einer von ihnen, Dieter Hildebrand erzählt von den 13 dramatischen Tagen, die alle Passagiere zunächst völlig ahnungslos erlebten. Kein Schiff passierte - nur die Ostdeutschen auf dem Kreuzfahrtschiff ließen die Amerikaner durch. Das Glück: Kennedy und Chruschtschow einigten sich. Die Gefahr eines Atomkrieges war abgewendet.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet