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Fragen an Paläontologe Neil Shubin

"Fische sind in der Evolution sehr erfolgreiche Tiere"

Neil Shubin, Jahrgang 1960, ist ein US-amerikanischer Paläontologe und Leiter des Instituts für organische Biologie und Anatomie an der University of Chicago. Mit zwei Forscherkollegen entdeckte er das Tiktaalik aus der Gattung amphibienähnlicher Fleischflosser, ein Fossil, das den evolutionären Übergang von Fischen zu Landwirbeltieren belegte. Shubin fasste seine Erkenntnisse auch in dem Buch „Der Fisch in uns“ zusammen.

Ralf Blasius: Was hat Sie dazu bewogen, Biologe beziehungsweise Anatom zu werden?

Neil Shubin: Mir gefällt es, neue Dinge über Körper zu entdecken, vor allem in Bezug auf unsere vorzeitliche Vergangenheit. Anatomie ist eine wunderbare Sache, und wenn man gelernt hat, sie zu betrachten, hilft sie uns, etwas über unsere eigene Geschichte in Erfahrung bringen.

Ralf Blasius: Und was begeistert sie an Fischen besonders?

Neil Shubin: In Bezug auf die Evolution sind Fische unglaublich erfolgreiche Tiere; Es gibt tausende Arten, die sich auf ganz unterschiedliche Weise ernähren, die Welt um sich herum wahrnehmen und fortbewegen. Zu verstehen, wie sie sich angepasst haben, verrät uns außerdem eine Menge über den grundlegenden Aufbau des menschlichen Körpers.

Ralf Blasius: Während Charles Darwin seine Theorie zur Evolution entwickelte, hatte er bedeutende Partner an seiner Seite: den Anatom Richard Owen und Thomas Henry Huxley als seinen Sprecher. Sie sind alles auf einmal, Anatom, Forschungsreisender und prämierter Wissenschaftsjournalist. Ist das nicht ein ziemlicher Spagat in der modernen Welt der Wissenschaft?

Neil Shubin: Das bildet für mich alles eine Einheit. Wissenschaft zu vermitteln, zwingt mich dazu, meine Worte und Gedanken klar zu ordnen. Diese Klarheit hilft mir bei meinen Entdeckungen und der Arbeit als Wissenschaftler. Je mehr ich entdeckte, desto mehr kann ich vermitteln. Es gehört also alles zusammen.

Ralf Blasius: Darwin machte seine größten Entdeckungen im Laufe einer fünfjährigen Reise um die Welt. Sie verbringen ihre Sommer in der Arktis auf der Suche nach Fossilien im Boden. Hilft das Reisen bei wissenschaftlichen Entdeckungen?

Neil Shubin: An neue Orte zu reisen und neuen Herausforderungen zu begegnen, belebt meinen Verstand. Auf gewisse Weise hilft es bei den wissenschaftlichen Entdeckungen – wenn auch nur indirekt.

Ralf Blasius: Spuren und Beweise für die Evolutionstheorie zu finden, scheint ein nie enden wollendes Puzzle zu sein. Sein ganzes Leben lang zögerte Darwin immer wieder mit der Veröffentlichung seiner Schlussfolgerungen. Er wollte sich so sicher wie nur irgend möglich sein. In Ihrem Buch habe ich gelesen, dass jeder Schlüsselfund zwei neue Lücken in den Vermutungen zur Evolution aufweist. Ist es das Schicksal aller Wissenschaftler, die die Evolution erforschen, nach immer neuen und besseren Beweisen zu suchen?

Neil Shubin: Ich versuche nicht, die Evolution zu beweisen. Ich versuche zu verstehen, wie sie funktioniert. Jede Entdeckung erklärt das auf ihre eigene Weise.

Ralf Blasius: Obwohl die ganze Geschichte der Evolution so schwer nachzuvollziehen ist, sind die fundamentalen Regeln ihres Verlaufs recht einfach und leicht zu verstehen. Warum wird um diese Theorie, über 150 Jahre nachdem sie veröffentlicht wurde, immer noch gestritten?

Neil Shubin: Es ist schwierig für Menschen, sich mit Milliarden Jahren von Geschichte auseinanderzusetzen. Es ist wirklich sehr schwer, sich vorzustellen, wie sich die Dinge über so gewaltige Zeiträume verändern. Mein Job ist es, das den Menschen näherzubringen.

Ralf Blasius: Wissenschaftlich betrachtet war die Evolutionstheorie ein Meilenstein, und doch brachte sie beunruhigende Konsequenzen für die Gesellschaft mit sich. Denken Sie, es kann auch etwas Positives für unser soziales Leben aus der Natur abgeleitet werden?

Neil Shubin: Ja, der Respekt für andere Lebewesen. Wir sind mit ihnen allen verbunden.

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