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Säuglinge: Schon kriminell geboren?

Ein Gespräch mit dem Evolutionspsychologen Prof. Harald A. Euler

Stimmt das: Wird man als Verbrecher geboren und kann überhaupt nicht anders, als Gewalt, Mord und Vergewaltigung zu begehen? In der Doppelfolge „Das Schweigen der Kommissarin“ aus der Reihe "Bella Block" interviewt ein Journalist im Rahmen einer Langzeitstudie Menschen, die in sozial benachteiligten Verhältnissen aufgewachsen sind. Was er herausfinden will: Hat das soziale Umfeld Einfluss darauf, dass Menschen kriminell werden oder gibt es dafür auch eine genetische Veranlagung? Darüber haben wir uns mit dem Evolutionspsychologen Professor Harald A. Euler unterhalten.

Kann eine solche Studie, die einzig auf Interviews mit den Betroffenen basiert, sinnvoll sein?

Nein, sowas ist keine "Studie". Sowas ist auch deswegen nicht sinnvoll, weil man daraus zu irrigen Schlussfolgerungen kommen kann, die durch solide wissenschaftliche Studien nicht gedeckt sind und möglicherweise schädliche Mythen festigt.

Wie sähe denn eine solide Herangehensweise aus?

Für diesen Bereich sind in erster Linie verhaltensgenetische Studien sinnvoll - zum Beispiel Zwillingsstudien, Adoptionsstudien. Nur sie können feststellen, wie groß der Anteil an Verursachung von kriminellem Verhalten oder einer antisozialen Persönlichkeitsstörung auf genetische Veranlagung, auf geschwister-geteilte Umgebung und auf nicht durch Geschwister geteilte Umgebung zurückzuführen ist, und inwieweit das Zusammenspiel von Genom und Umwelterfahrungen (Genom-Umwelt-Kovariation; Genom-Umwelt-Interaktion) bedeutsam ist, inwieweit die genetische Komponente auf additiven genetischen Effekten beruht und inwieweit auf nicht-additiven genetischen Effekten.

Nennen Sie doch mal ein Beispiel dafür, was bei diesen Interviews schieflaufen kann.

Wenn man eine Person, die extrem pedantisch ist, fragt, woher die Ursache für die Pedanterie kommt, mag die Person sagen: "Bei uns früher war es auch immer sehr ordentlich". Die nächste Person mag sagen: "Bei uns früher war immer alles so chaotisch, dass ich sowas nicht mehr haben kann". Das Ursachenzuschreiben von Personen über ihr Verhalten gibt sehr oft nicht die wirkliche Ursache wieder.

Bezüglich Gewaltverbrechen wird in der Realität nun auch schon seit Jahrzehnten nach dem „Killer-Gen“ gesucht.

Journalisten fahren leider immer auf sowas wie "Killer-Gen" oder "Stotter-Gen" oder "Gewalt-Gen" ab. Das ist aber naiv und sollte mit erhobenem Zeigefinger unterbunden werden.

Die Wissenschaft fuhr da wohl zeitweise auch drauf ab. Ende der 60er Jahre wurde das XYY-Syndrom fälschlicherweise so dargestellt, dass die Betroffenen kriminelle Soziopathen seien mit einer deutlich erhöhten Bereitschaft zu (sexueller) Gewalt. Auch der Film „Alien 3“ nahm diese These unkritisch auf und festigte diesen Mythos. Wie sieht es also aus mit dem „Killer-Gen“? Ist das völlig widerlegt?

Anzunehmen, kriminelles Verhalten oder eine antisoziale Persönlichkeitsstörungen beruhe auf einem einzigen Gen, ist wie erwähnt naiv. Zu Beginn der genetischen Forschung, also in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ist man zuerst auf monogenetische Krankheiten gestoßen und hat so angenommen, dass einzelne Gene für etwas verantwortlich sind. Das kann bei bestimmten Stoffwechselstörungen in der Tat häufig der Fall sein.

Das heißt, die Neigung zu Kriminalität braucht eine Genkombination?

Wenn es um Verhalten geht (zum Beispiel Intelligenz, Persönlichkeit, Kriminalität) ist immer eine Vielzahl von Genorten an der Ausprägung des Verhaltens beteiligt, und man weiß dann noch längst nicht, wie die Gene selbst interagieren. Ich kenne mich recht gut mit Stottern aus, das eine recht homogene, scharf umrissene Störung ist. Mittlerweile sind 16 Genorte bekannt, die bei der Ausprägung des Stotterns beteiligt sind, aber die genetische Dynamik der Beteiligung ist ungeklärt.

In einer dänischen Studie aus den 80er Jahren hieß es, dass Kinder, deren biologische Eltern kriminell waren, selbst dann ebenfalls straffällig wurden, wenn sie schon früh von nicht-kriminellen Eltern adoptiert beziehungsweise in Pflege genommen wurden.

Die berühmte dänische Adoptionsstudie von Mednick et al. (1984) hat belegt, dass es für Eigentumsdelikte (nicht für Gewaltdelikte) eine klare Erblichkeitskomponente gab: Wenn die biologischen Eltern kriminell waren, hatten die wegadoptierten Kinder mehr Delikthäufigkeiten als Kinder von nicht-kriminellen biologischen Eltern. Wenn aber die Adoptiveltern selbst kriminell waren, gab es noch einmal eine Steigerung der Deliktrate bei den Adoptivkindern (Genom-Umwelt-Interaktion).

Bella Block (Hannelore Hoger, r.) ahnt nicht, in welcher Gefahr sie sich befindet. Doerte Lyssewski (Tanja Behring).
Honorarfrei - nur für diese Sendung bei Nennung ZDF und Katrin Knoke
Gewalttätig geboren? Szene aus "Das Schweigen der Kommissarin" Quelle: ZDF / Katrin Knoke

Der Neurokriminologe Adrian Raine schreibt in seinem neuesten Buch „The Anatomy of Violence“, das in der Fachwelt in Teilen kritisch diskutiert wird, Verbrecher hätten eindeutig feststellbare, natürliche Defekte im Hirn, die ihre Taten auslösen. Raine hält die starke genetische Disposition für Kriminalität für erwiesen. Zahlreiche Studien über Zwillinge und adoptierte Kinder hätten dies bestätigt. Könnte man anhand der Hirnstruktur eines Menschen demnach Verbrechen voraussagen?

Ich kenne die Einzelheiten hier nicht, aber Raine kann nur gefunden haben, dass im Mittelwertsvergleich Verbrecher einige andere Hirnstrukturen haben als Nicht-Verbrecher. Daraus könnte man dann aber bestenfalls eine schwache Wahrscheinlichkeitsvorhersage machen (zum Beispiel 48% versus 52 % Wahrscheinlichkeit). Ich würde aber bei allen strukturellen und funktionellen Befunden von Hirnforschern immer sagen: Replikation, Replikation, Replikation!

Raine fordert sogar, alle Männer zum Gehirnscan zu schicken. Nur mal angenommen, für ein Kind stünde nun aufgrund gewisser Hirnstrukturen und anderer Indikatoren die Prognose fest, dass es zum Straftäter geboren sei. Wie viel kann das soziale Umfeld da auffangen oder verhindern?

Kein Kind wird "zum Straftäter geboren". Es kann höchstens eine etwas stärkere Disposition zu Delinquenz haben als ein anderes Kind. Das soziale Umfeld (liebevolle Eltern, die auf das Einhalten von moralischen Normen achten; Bedeutung von Religion) kann dann sehr stark beeinflussen, ob sich die Disposition realisiert oder nicht.

Die Fragen stellte Zoë Beck.

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