"Jeder Täter erzählt am Tatort eine, seine Geschichte ..."

Christian Berkel im Interview

Christian Berkel verkörpert in der ZDF-Krimiserie "Der Kriminalist" den eigenwilligen, aber äußerst engagierten Berliner Hauptkommissar Bruno Schumann. Im Interview spricht der Schauspieler über reale Polizeiarbeit, Täter-Opfer-Profile und seine Krimi-Vorbilder "Der Kommissar" und "Tatort".


ZDFonline: Hauptkommissar Bruno Schumann steht im Zentrum der Handlungen. Wie kam es zu dieser Idee?


Christian Berkel: Im Sommer 2005 kam ich das erste Mal mit "Der Kriminalist" in Berührung. Damals gab es nur die Grundidee der beiden Produzenten Claudia Schneider und Hans-Joachim Mendig von Monaco Film. Ich fand die Idee sehr spannend, so dass wir zusammen an dem Konzept herumbastelten. Wirkliche Kriminalfälle zu erzählen, die Stärken des Formats sowie die psychologische Erzählweise und die intensive Figurenbeschreibung herauszuholen, das hat mich sehr gereizt.

Als es dann den Produzenten auch noch gelang, Sherry Hormann für die ersten Folgen zu gewinnen, wusste ich, dass wir alle Chancen hatten, ein besonderes Format auf einem etablierten Sendeplatz zu entwickeln.

Der Kriminalist: Getauschtes Leben Quelle: Claudius Pflug


ZDFonline: Waren Sie - abgesehen von der Ursprungsidee - auch an den Drehbüchern beteiligt?
Berkel: Nein, aber ich war von der Umsetzung so überzeugt, dass ich nicht ablehnen konnte. Sowohl die Krimihandlung als auch das Analysieren der Opferprofile sind sehr methodisch und klug aufgebaut. "Der Kriminalist" ist unkonventionell und modern strukturiert.


ZDFonline: Wie hat sich dieses für die Krimi-Landschaft außergewöhnliche Ermittlerteam zusammengefunden?


Berkel: Durch Sherry Hormann und Nessie Nesslauer. Ein echter Glücksgriff. Ich spürte schon bei den ersten Leseproben, was für ein Potenzial in dieser Konstellation liegt.


ZDFonline: Haben Sie sich als Kriminalkommissar speziell vorbereitet?


Berkel: Ich habe mich durch einen großen Berg an Fachliteratur zu den Themen Kriminologie, Kriminalistik gearbeitet. Dabei entdeckte ich dann auch die Viktimologie, die Lehre vom Opfer, eine verhältnismäßig junge Wissenschaft. Hier geht der Kriminalist nicht wie gewohnt vom Täter aus, sondern ermittelt zunächst das Profil des Opfers. Was hat ihn oder sie dazu prädestiniert, vom Täter ausgewählt zu werden, nicht im Sinn einer Mitschuld, sondern als schicksalhafte Verstrickung. Diese Thematik ging dann auch in die Stoffentwicklung ein.


ZDFonline: Was für ein Typ ist Hauptkommissar Bruno Schumann?


Berkel: Seine Herangehensweise ist pragmatisch, spielerisch und intuitiv. Für seine komplizierten Theorien sucht er nach faktischen Belegen. Dabei hilft ihm sein Team. Er taucht in seine Fälle ein, saugt alles um sich herum auf wie ein Schwamm, ohne zu früh zu werten. Er misstraut allzu schnellen Lösungsvorschlägen.

Schumann kann sich chamäleonartig in Täter oder Opfer hineinversetzen und betreibt diese Gabe, wo es nutzt, systematisch. Zurück im Kommissariat, lässt er seine Spuren prüfen und spinnt sein Netz, in dem der Täter sich verfängt.
ZDFonline: In "Der Kriminalist" geht Bruno Schumann zunächst dem Opferprofil nach, um an den Täter zu gelangen. Ist dies eine ganz neue Ermittlungsweise? Handelt die Kripo tatsächlich nach diesen Methoden?


Berkel: Ja. Jeder Täter erzählt am Tatort eine, seine Geschichte, aber jeder Mord ist auch die Geschichte einer Beziehung zwischen Täter und Opfer - ob sie sich nun kannten oder nicht. Welche Rolle hat das Opfer gespielt? Zu jeder Tätergruppe gibt es eine entsprechende "passende" Opfergruppe. Je schwächer ein Opfer im sozialen, intellektuellen oder körperlichen Sinn ist, desto größer ist die Gefahr, die ihm droht.

Hauptkommissar Schumann ist aber nicht jemand, der sich sklavisch dieser Methode verpflichtet, sondern jemand, der jede Assoziation vom ersten Moment an aufnimmt - sei sie auch noch so absurd. Aber genau das macht "Der Kriminalist" für den Zuschauer so spannend.


ZDFonline: "Der Kriminalist" spielt in Berlin. Das Präsidium ist mitten in Kreuzberg, Nähe der U-Bahnstation Kottbusser Tor. Zeigt die Serie auch das reale, soziale und gesellschaftliche Leben im direkten Umfeld?


Berkel: Wir haben versucht, einen Querschnitt zu zeigen. Es gibt Fälle in allen sozialen Schichten; sie spielen somit auch in allen repräsentativen Bezirken wie Dahlem, aber auch Neukölln.


ZDFonline: Würden Sie sich als Krimi-Liebhaber bezeichnen?


Berkel: Ja. Besonders "Der Kommissar" ist für mich Kult. Ich bleibe wirklich bei jeder Wiederholung am Bildschirm kleben und bin jedes Mal überrascht, wie innovativ die früheren Krimis doch waren. Allein der stilistische Umgang und die immer glänzende Schauspielerbesetzung. Aber auch beim "Tatort". An diesen beiden Formaten lässt sich die Geschichte unserer Republik oftmals genauer ablesen als in allen übrigen Fernsehspielen.

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