Das verhinderte Paradies

Mangroven gegen den Klimawandel

Das Hilfsprojekt von "MISEREOR" in Siargao, Philippinen

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Mangroven gegen den Klimawandel - Das Hilfsprojekt von "MISEREOR" in Siargo, Philippinen

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Die Insel Siargao ist die östlichste der Philippinen und ist durch ihre Lage besonders verletzlich. Die ohnehin arme Bevölkerung der Insel leidet unter den Folgen des Klimawandels. Regelmäßig kommt es zu Naturkatastrophen wie Taifunen, Tsunamis und Erdbeben. 2013 fegte der Taifun Haiyan über die Insel und zerstörte ganze Regionen. SIKAT fördert den Küstenschutz und unterstützt die Bevölkerung durch alternative Einkommensmöglichkeiten.

Engie Doligol sitzt in ihrer Hütte aus Bambus. Wie an der Küste üblich, ist ihr Zuhause auf Stelzen ins Meer gebaut. Es sind 36 Grad, die Luft hängt schwülwarm über dem Wasser. Langsam und stockend berichtet Engie von sich, von ihrer Familie, von ihrem sozialen Engagement. Der Blick über den Hafen ist malerisch, über die ruhigen Ausläufer des Meeres, über Palmen und herrlichen Strände. Siargao könnte ein Paradies sein. Engie lächelt gequält. "Paradies?", fragt sie. "Auf so eine Idee kommt man nur, wenn man hier nicht leben muss. Wovon denn auch?"

Bambushütten auf Stelzen in Siargo, Philippinen
Bambushütten auf Stelzen in Siargo, Philippinen Quelle: MISEREOR

Mit ihrem Mann Geraldine und sieben Kindern lebt Engie in der Inselhauptstadt Del Carmen. Der Landkreis gehört zu den 100 ärmsten Landkreisen der Philippinen. Vor zwei Jahren wurde Engie mit 38 Jahren stolze Großmutter: nun leben sie mit elf Personen in drei Generationen auf gerade einmal 22 Quadratmetern. Das ist auf Siargao nicht ungewöhnlich. Gerade Fischerfamilien wie Familie Doligol gehören zu den ärmsten Bevölkerungsgruppen auf den Philippinen. Und weil Fischer an der Küste leben müssen, auch zu den gefährdetsten.

Siargao liegt im Durchschnitt nur etwa sechs Meter über dem Meeresspiegel und die zerstörerischen Taifune nehmen von Jahr zu Jahr an Häufigkeit und Heftigkeit zu. Mit aller Wucht treffen sie vom pazifischen Ozean auf Land und zerstören Hütten, Leben und Heimat. Die Küstenbewohner sind zudem häufig Überschwemmungen ausgesetzt, die durch Klimawandeleffekte verstärkt werden.

Kein Fisch, kein Geld

Inmitten dieser schwierigen Lebensumstände schwinden nun auch die traditionellen Einkommensmöglichkeiten. Eine Million Filipinos leben von der Fischerei. Doch der Fischbestand geht dramatisch zurück. Der Grund dafür sind Überfischung durch kommerzielle Fangflotten, Küsten- und Wasserverschmutzung durch die Industrie, Zerstörung der Mangrovenwälder an den Küsten sowie Praktiken wie Dynamitfischerei.

Die Küstenfischer Siargaos können von der Fischerei als alleinige Einnahmequelle kaum noch überleben. Auch Engies Mann Geraldine ist Fischer und fährt noch vor Sonnenaufgang mit seinem Boot aufs Meer hinaus. Das Wetter ist jedoch so unberechenbar geworden, dass die meisten Fischer das offene Meer meiden und aus Angst vor Unwettern lieber in Küstennähe fischen. Es gibt immer weniger Tage, an denen Geraldine Geld oder wenigstens etwas Fisch für den Eigenbedarf mit nach Hause bringt. In seinem Kummer und seiner Hilflosigkeit hat Geraldine damit angefangen, erst ab und zu, dann beinahe täglich den schmalen Verkaufserlös in Alkohol umzusetzen.

In ihrer Not haben viele Menschen begonnen die Mangrovenwälder an der Küste abzuholzen und das Holz zu verkaufen. Doch gerade die Mangroven haben im Küstenschutz eine Schlüsselfunktion: Vor allem während des verheerenden Taifuns Haiyan hat sich gezeigt, dass sie hohe Flutwellen und Wind brechen können. Und intakte Mangrovenwälder sichern letztlich auch einen guten Lebensraum für Korallen, Fische und Muscheln.

Samstag ist Mangroven-Pflanztag

Anders als ihr Mann gibt Engie Doligol nicht auf. Im Gegenteil: Sie gibt alles. Sie besorgt noch Feuerholz für das Mittagessen, wäscht für das Familieneinkommen Kleidung und engagiert sich in Bürgerinitiativen: "Ich kann nicht anders als die Menschen und die Natur zu lieben. Aus dieser Leidenschaft heraus helfe ich, wo ich helfen kann." Und es gibt viel zu tun, geht es doch um das eigene Überleben und das der Nachbarn angesichts der unberechenbaren Folgen des Klimawandels.

Kinder, die Mangroven pflanzen
Kinder, die Mangroven pflanzen Quelle: MISEREOR

Die Bevölkerung von Del Carmen ist in dieser immensen Aufgabe nicht allein: Vor dreieinhalb Jahren hat hier die MISEREOR-Partnerorganisation SIKAT ein kleines Büro angemietet. "Wir arbeiten hier eng und erfolgreich mit der Gemeindeverwaltung, der Kirche und den verschiedensten Vereinen und Initiativen zusammen", sagt SIKAT-Direktor Chito E. Dugan. Die SIKAT-Mitarbeiter fördern umweltfreundliche Fischwirtschaft und den Küstenschutz und versuchen die Fischer davon zu überzeugen, auf das Abholzen der Mangroven zu verzichten.

Nicht nur das: In gemeinschaftlicher Arbeit mit Engagierten aus der Gemeinde werden an der Küste neue Mangroven gepflanzt. An jedem Samstag fahren Jung und Alt mit ihren Booten aufs Meer hinaus. Die Arbeit ist äußerst mühsam. Bis zu den Hüften waten die Helfer stundenlang in der Hitze durch den Meeresschlamm und stecken in mühevoller Handarbeit bis zu 10.000 Mangrovensetzlinge in den fruchtbaren Boden. Auch Engie Doligol ist mit ihren Kindern Jolina und Jefferson mit von der Partie. "Wir müssen doch etwas für die Umwelt tun. Der Klimawandel macht uns auch so schon genug zu schaffen. Ohne den Schutz der Mangrovenwälder könnte es Del Carmen beim nächsten Taifun wieder erwischen."

Mühsame Arbeit: Mangroven pflanzen
Mühsame Arbeit: Mangroven pflanzen Quelle: MISEREOR

Krebse für eine bessere Zukunft

Zudem hat es sich SIKAT zur Aufgabe gemacht, alternative Einkommensmöglichkeiten für die Küstenbewohner zu schaffen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter konnten die Anwohner beispielsweise davon überzeugen, in die Krebszucht einzusteigen. Zusammen mit lokalen Fischern und Farmern hat SIKAT eine Krebszuchtstation aufgebaut. Engie führt das Kassenbuch der Zucht. Die 40-Jährige strahlt, während sie die Beine des Krebses zusammenhält: "Durch den Krebsverkauf konnten wir in den letzten zwei Jahren die Verluste durch mangelnden Fischfang wieder ausgleichen."

Die SIKAT-Mitarbeiterin Jeremy Samaniego erzählt, dass die finanzielle Unterstützung durch MISEREOR zwar wichtig, aber bei Weitem nicht alles sei: "Wir haben von MISEREOR in erster Linie gelernt, uns als Organisation aufzustellen - für die Rechte der Menschen hier zu kämpfen."

Das Hilfsprojekt in Siargo, Philippinen - Die Fakten im Überblick

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